Geschäftsbericht der Strassenbahn Bielefeld für das Jahr 1906



Jahres-Bericht über das Gaswerk, das Elektrizitätswerk und die Strassenbahn der Stadt Bielefeld
Erstattet von Direktor C. Brüggemann
für die Zeit vom 1. April 1906 bis 31. März 1907.


Strassenbahn - 6. Berichtsjahr

Schon im letztjährigen Bericht über das erste Betriebsjahr nach der tarifänderung konnte auf Gruind der Erfahrungen des einen Jahres die bestimmende Erwartung ausgedrückt werden, dass imzweiten Jahr, wenn die Misstimmung über die Tariferhöhung vollends geschwunden wäre, der vom beuen Tarif erwartete wirtschaftliche Erfolg eintreten würde.

Diese Erwartung hat sich erfüllt, wie aus den nachstehenden Angaben hervorgeht.

M 1904/05 1906/07 Unterschied Unterschied in %
Einnahmen aus Fahrscheinen zu 10 Pfg. M 238.186 220.511 - 17.675 - 7,45
Einnahmen aus Fahrscheinen zu 15 Pfg. M 34.455 88.737 - 54.282 162,0
Einnahmen aus Fahrscheinen zu 20 Pfg. M 14.790 16.835 2.045 13,8
Zusammen M 287.431 326.083 38.652 13.5
Einnahmen aus Karten M 64.902 49.405 - 15.497 - 23,9
Gesamteinnahmen M 356.128 378.780 22.652 6,4
Gesamtausgaben M 277.028 274.409 - 2.619 - 0,95
Betriebsüberschuss M 79.100 104.371 25.271 32,0
In Prozenten des Anlagekapitals 4,7 6,0 1,3 27,7
Gefahrene Wagenkilometer 1.119.513 1.094.168 - 25.345 - 2,27
Einnahme für 1 Wagenkilometer M 31,8 34,5 2,7 8,5
Ausgabe für 1 Wagenkilometer M 24,8 25,1 0,3 1,2
Beförderte Personen auf Fahrscheine 2.685.515 2.880.864 195.349 7,3
Beförderte Personen auf Karten 1.236.549 858.264 - 378.285 - 30,6
Beförderte Personen insgesamt 3.922.064 3.739.128 - 182.936 - 4,66
Einnahme für eine beförderte Personen M 9,07 10,15 1,08 11,9
Ausgabe für eine beförderte Personen M 7,07 7,36 0,29 4,1


Zur näheren Erläuterung diene folgendes:

Die am 1. Mai 1905 eingeführte Tarifänderung bestand in der Hauptsache in der Verkürzung von Tarifstrecken, indem die Anzahl der 10-Pfennig-Strecken von 7 auf 14, die der 15 Pfennig-Strecken von 5 auf 9 vermehrt wurden.

Eine entsprechende Preiserhöhung um 1 M erfuhren gleichzeitig die Zeitkarten.

Schliesslich wurden für Schüler und Arbeiter statt der Nummerkarten Wochenkarten für 1 bis 4 tägliche Fahrten eingeführt.

Die Annahme, dass aus der Tarifänderung, insbesondere aus der Umwandlung einiger über 4 km langer 10 Pfennig-Strecken in 15 Pfennig-Trecken eine bedeutsame Mehreinnahme aus Fahrscheinen erzielt würde, hat sich als richtig erwiesen. Auf Grund einer von der Tarifänderung aufgestellten Statistik wurde die Mehreinnahme auf rund 25.000 M geschätzt; in Wirklichkeit beträgt sie nach Abzug der Mehreinnahme durch die Verkehrszunahme ungefähr 36.000 M. Die Befürchtung der Gegner der Tarifänderung, dass eine Preiserhöhung eine Verkehrsminderung zur Folge haben würde, hat sich also als unbegründet erwiesen.

Die Einnahme aus Zeitkarten ist ungefähr dieselbe geblieben wie vor der Tariferhöhung.

Die Einnahme aus Arbeiterkarten ist zunächst zurückgegangen und zwar besonders noch zu Anfang des letzten Jahres infolge der natürlichen Misstimmung, aber nicht minder auch wegen der Boykottierung der Bahn von einer größeren Zahl von Arbeitern; in den letzten Monaten des Jahres wurden jedoch annähernd wieder dieselben Werte erreicht wie in den gleichen Monaten vor der Tarifänderung. Die Arbeiter haben schließlich wohl eingesehen, dass der neue Tarif allen Forderungen entspricht, die an einen Tarif für Arbeiterverkehr gestellt werden können. Auch beim jetzigen Tarif beträgt das Fahrgeld der Arbeiter nur ungefähr 30 bis 60% der Selbstkosten, je nach Länge der durchfahrenen Strecke. Es soll hier nochmals hervorgehoben werden, dass beim jetzigen Tarif jede beliebig lange Strecke 6 ⅔ Pfg. bei einer Fahrt jeden Tag und 6 ¼ Pfg. bei 4 Fahrten täglich kostet. Einschränkungen bezüglich der Benutzungszeit oder sonstige Sonderbestimmungen, die es meist bei anderen Bahnen für Arbeiterverkehr gibt, bestehen hier nicht. Die einzige Bedingung für die Gewährung einer Arbeiterkarte ist, abgesehen von dem Nachweis, dass die Betreffenden als Arbeiter beschäftigt sind, die, dass von dem Inhaber mindestens einmal täglich die Bahn benutzt wird. In dieser Bestimmung besteht der wesentliche Unterschied gegen den früheren Tarif.

Der Betriebsüberschuss welcher in den Jahren 1903/04 und 1904/05 vor der Tariferhöhung 77.845 M bzw. 79.100 M oder 4,6% bzw. 4,7% des Anlagekapitals betragen hat, ist im vergangenen Jahre auf 103.371 M oder 6,0% Prozent des Anlagekapitals gestiegen.

Hierbei ist noch zu berücksichtigen, dass im letzten Jahre die Betriebsausgaben infolge höherer Unterhaltungs- und Ausbesserungskosten und gestiegener Löhne verhältnismäßig erheblich höher waren als in den Jahren 1903 und 1904.

Wenn der frühere Tarif beibehalten worden wäre, so würde infolge des Anwachsens der Betriebskosten und der beim früheren Betrieb unumgängliche Erhöhung des Anlagekapitals durch Vermehrung der Betriebsmittel die Wirtschaftlichkeit nicht nur wie in den Jahren 1903 und 1904 keine Fortschritte gemacht haben, sondern noch weiter zurückgegangen sein.

Beim jetzigen Tarif hingegen ist schon eine erhebliche Verbesserung der Wirtschaftlichkeit eingetreten; denn der Betriebsüberschuss beträgt jetzt rund 25.000 Mark mehr als früher. Nach den bisherigen Erfahrungen wird die Wirtschaftlichkeit noch weitere Fortschritte machen.

Dieser Erfolg ist besonders für die Entwicklung des jetzigen Unternehmens von großer Bedeutung; es wird jetzt möglich sein, zunächst eine Verstärkung des Verkehrs durch Einführung eines 5 Minuten-Verkehrs auf den Startlinien und eines 10 Minuten-Verkehrs auf den Aussenlinien einzuführen, ohne befürchten zu müssen, dass dadurch die Wirtschaftlichkeit zu stark beeinträchtigt wird und hohe Zuschüsse erforderlich werden. Ferner ist auch die Möglichkeit des Baues weiterer Linien durch die bessere Wirtschaftlichkeit näher gerückt.

Gegen das Vorjahr ist die Leistung an Wagenkilometer um 55.386 auf 1.094.168 d.h. um 5,3% gestiegen. Hiervon entfällt der größte Teil auf die Zunahme der Anhängerwagenkilometer durch den Arbeiterverkehr, ein kleinerer auf die Verkehrsverdichtung in den Morgenstunden.

Die Zahl der beförderten Personen stieg um 421.845 auf 3.739.128 also um 12,7%. Die gleiche Steigerung zeigt die Einnahme.

Die Gesamteinnahme beträgt 375.531,78 M
Die Gesamtausgaben betrugen 274.409,28 M
Es bleibt demnach ein Betriebsüberschuss von 101.122,50 M

sodass in diesem Jahre zum ersten Mal die Verzinsung und gesetzliche Tilgung – die 6% des Anlagekapitals betragen - aus den Betriebseinnahmen – ohne Zuschuss der Kämmereikasse - gedeckt werden können. Der in der Gewinn- und Verlustrechnung aufgeführte Zuschuss von 27.500 Mark dient zu weiteren Abschreibungen.

Zur Vornahme von Gleisausbesserungen wurde eine Notweiche aus Auflaufschienen von der Firma Both & Tilmann-Dortmund beschafft. Außerdem wurde ein elektrisch betriebener Sprengwagen von der Firma Hellmers – Hamburg angeschafft, wodurch eine wesentliche Ersparnis an Betriebskosten erzielt wird.

Entsprechend dem Vorgehen der Privat-Industrie wurde auch bei der städtischen Straßenbahn die Arbeitszeit sowohl der Führer und Schaffner als auch der Werkstattleute vorn 1. April 1907 ab auf 9½ Stunden festgesetzt. Hierdurch wurde heim Fahrpersonal die Einstellung von 6 Leuten notwendig.

Der Betrieb verlief ohne Unfall und Störungen, trotzdem ganz erhebliche Schneefälle noch im Spätwinter eintraten.

Der jetzige Stand des Unternehmens ist aus nachstehender Aufstellung ersichtlich. Auch wird auf die nachfolgenden Tabellen über Verkehrsverhältnisse, Einnahmen und Betriebskosten sowie auf die Bilanz und Gewinn- und Verlust-Rechnung hingewiesen.


Quelle: Jahres-Bericht über das Gaswerk, das Elektrizitätswerk und die Strassenbahn der Stadt Bielefeld. Erstattet von Direktor C. Brüggemann für die Zeit vom 1. April 1906 bis 31. März 1907.(Stadtarchiv Bielefeld).

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