Geschäftsbericht der Strassenbahn Bielefeld für das Jahr 1928



Jahresbericht des Städtischen Betriebsamts Bielefeld.
Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerk, Strassenbahn, Kraftwagenbetrieb und Verkehrsamt
für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1928


Straßenbahn - 28.Betriebsjahr

Mit der Inbetriebnahme der Linie 3 am 1. Februar 1928 wurde der neue Straßenbahntarif, ein reiner Streckentarif, eingeführt. Die Teilstreckenlänge beträgt 1,05 km. Während bisher nur 4 Fahrscheinarten zu 10, 15, 20 und 25 RPfg. ausgegeben wurden, werden künftig 5 verschiedene Fahrscheine zu 15, 20, 25, 30 und 35 RPfg. verwandt, die zu einer Fahrt für 2, 3, 5, 8 bzw. über 8 Teilstrecken berechtigen. Gleichzeitig wurden die Preise für die Fahrscheine der Fahrscheinhefte im Vergleich zu den Einzelfahrpreisen wesentlich ermäßigt.

An den Wagenpark wurden weiterhin erhebliche Anforderungen gestellt, zumal die im Jahre 1927 bestellten und im Jahre 1928 angelieferten 12 Trieb- und 12 Anhängewagen bei der Ausdehnung des Liniennetzes eben ausreichten, um den Mehrbedarf zu decken. Es wurden daher Ende des Berichtsjahres weitere 8 Triebwagen und 16 Anhänger in Auftrag gegeben, die Oktober 1929 abgeliefert werden sollen.

Aus Mangel an Mitteln musste der Bau der neuen Werkstatt um ein weiteres Jahr hinausgeschoben werden.

Der Wagenpark umfasste Ende 1928 58 Triebwagen und 44 Anhängewagen. Von diesen sind nunmehr, einschließlich der in eigener Werkstatt umgebauten Wagen, 40 Trieb- und 25 Anhängewagen mit vollkommen geschlossenen Plattformen versehen.

Verschiedene der noch nicht mit Heizwiderständen ausgerüsteten Trieb- und Anhängewagen wurden im Winter 1928/29 mit Heizkörpern versehen. Ende 1928 hatten etwa 60% aller Wagen Heizung.

36 Trieb- und 10 Anhängewagen kamen in die Hauptreparatur. Neben den üblichen kleineren Reparaturen wurden 39 durch Zusammenstöße beschädigte Trieb- und Anhängewagen instandgesetzt.

Zur besseren Kenntlichmachung der einzelnen Linien wurden sämtliche Triebwagen mit beleuchtbaren Liniennummern ausgerüstet.

Außer den laufenden Unterhaltungsarbeiten am Gleiskörper und an der Fahrleitung wurden im Jahre 1928 ausgeführt 1026 m Gleiserneuerung, teils im Profil 4, teils im Profil 102, und 1510 m Auswechselung von Fahrdraht mit 50 qmm Querschnitt vorgenommen.

An größeren Umbauten und Erweiterungen der bestehenden Linien wurden durchgeführt:
  • 1. der zweigleisige Ausbau der in der Hauptstraße in Brackwede zwischen Lönkert und Osningstraße liegenden Strecke mit einer Länge von 900 m im N.P. 102; gleichzeitig wurde das bestehende erste Gleis ausgewechselt. Beide Gleise wurden in die Mitte der Straße gelegt, die bei dieser Gelegenheit durch Zuschüsse der Gemeinde Brackwede und der Provinz - der Verkehrsbedeutung der Straße entsprechend - auf 10,50 m Breite gebracht werden konnte.
  • 2. der zweigleisige Ausbau am Brackweder Friedhof auf 230 m Länge, ebenfalls in N.P. 102, und Erneuerung des alten Gleises; auch hier wurden die Gleise in Straßenmitte gelegt und die Straße durch die Provinz auf 10,50 m erbreitert. Zugleich mit der Wiederinbetriebnahme dieser Strecke am 1. Dezember wurde die in Brackwede-Dorf liegende Endstation der Linie 1 nach Brackwede-Friedhof verlegt und der 5-Minuten-Betrieb bis hierhin ausgedehnt. Damit hörte das Rangieren in der unübersichtlichen Kurve Brackwede-Dorf endgültig auf.
  • 3. der zweigleisige Ausbau von Ausweiche Landwehr bis zur Endstation Sennefriedhof auf 710 m Länge und Schaffung einer Kehrschleife zur Vermeidung des besonders bei Massenverkehr beschwerlichen Rangierens in dem vorhandenen Gefälle der Provinzialstraße. Das neue zweite Gleis wurde zwecks Ersparnis an Kosten in besonderem Bahnkörper auf Schwellen verlegt. Als Schienenproñl wurde verwandt das N. P. R. 6.
  • 4. der zweigleisige Ausbau des noch vorhandenen, etwa 160 m langen, eingleisigen Streckenabschnitts unter der Schildescher-Straßen-Unterführung, Hier wurden erstmalig Verbundstahlschienen verwandt, die geringsten Verschleiß selbst in kleinsten Krümmungsradien aufweisen sollen. Zugleich wurde hier ein Versuch gemacht mit aufgeschweißten Hutzwangsschienen. Mit diesen Erweiterungen ist der planmäßige zweigleisige Ausbau der Linie 1 zwischen Rettungshaus und Sennefriedhof ein gutes Stück vorwärts gebracht.

An Neubauten wurden ausgeführt:
  • 1. die Vollendung der im Jahre 1927 in Angriff genommenen Linie 3, Diese ab Oststraße über Ölmühlenstraße, Kaiserstraße, Kesselbrink, Jahnplatz, Bahnhofstraße, Jöllenbecker Straße bis zur Schulstraße führende Linie wurde in ganzer Länge zweigleisig ausgebaut. Ende Januar wurde der innerhalb der Stadt liegende Teil fertiggestellt und am 1. Februar dem Betriebe übergeben. Nach dem Ausbau des im Landkreise liegenden Reststückes zwischen der Apfel- und der Schulstraße erfolgte auch hier die Inbetriebnahme am 1. Juli 1928. Die gesamte Strecke ist 4,974 km lang, sie wurde im Profil 4 erbaut. Für die Oberleitung wurde Rillendraht von 80 qmm Querschnitt verwandt.
  • 2. die Erweiterung der Linie 2 über den Hauptbahnhof hinaus durch die Kleine Bahnhofstraße und Herforder Straße bis zum Walkenweg. Mit dem Bau dieses 2,735 km langen Abschnittes wurde im August begonnen, die Fertigstellung war am 10. Dezember beendet Die vorher fertiggestellten Teilstrecken bis zur Kaiserstraße bzw. bis zur Hallenstraße wurden am 22. August bzw. am 15. November, die ganze Strecke erstmalig am 11. Dezember befahren. Die Länge der Linie 2 beträgt, einschließlich der 400 m langen Gemeinschaftsstrecke mit der Linie 1 in der Kleinen Bahnhofstraße, insgesamt 7040 m. Auch hier wurde Profil 4 und Rillenschienendraht von 80 qmm Querschnitt verwandt.
  • 3. die Verlegung der Linie 1 aus der Obern- und Niedernstraße nach der Hindenburgstraße mit endgültigem Umbau des Jahnplatzes. Die im Jahre 1927 beschlossene Verlegung der Linie 1 wurde am 1. August (1928) zur Tatsache, nachdem die Hindenburgstraße innerhalb dreier Monate zu einer Hauptverkehrsstraße mit 10,50 m breitem Fahrdamme, in deren Mitte die beiden Straßenbahngleise liegen, umgebaut war.

Mit dem Tage der Inbetriebnahme der Gleise in der Hindenburgstraße wurde die Linie 1 ab Jahnplatz, dessen endgültiger Ausbau damit erledigt wurde, über die Herforder Straße und Düppelstraße zum Bahnhof geführt, während die Linie 2, die bislang über Herforder Straße und Düppelstraße verlief, über die Bahnhofstraße zum Bahnhof geführt wurde. Vom Bahnhof ab hat die Linie 1 die alte Linienführung beibehalten. In der Hindenburgstraße waren zu verlegen rund 635 m Doppelgleis im Profil 4 (115 m Doppelgleis waren bereits 1926 verlegt im Profil 102) und 750 m Überleitung im Rillendrahtprofil von 80 qmm Querschnitt.

Von den eingebauten neuen Weichen, an den Abzweigungen der einzelnen Linien liegend, wurden 4 mit elektrischer Stellvorrıchtung ausgerüstet. Der Bau der neuen 30 m breiten und 70 m langen Wagenhalle wurde vollendet und zugleich mit dem neuen Betriebsbahnhofe im Mai (1928) in Betrieb genommen. In der Halle sind 8 Gleisstränge zum Aufstellen von 56 Wagen verlegt.

Die Zahl der den Behörden gemeldeten Unfälle betrug 59, davon verliefen 17 ohne, 35 mit leichten und 6 mit schweren Verletzungen und 1 tödlich. 43 Fälle waren auf Selbstverschulden (in 26 Fällen auf Auf- und Abspringen während der Fahrt zurückzuführen), in 10 Fällen herrschte unglücklicher Zufall vor, während 6 Fälle auf Gefahrbremsung beruhten. Von den von den Unfällen betroffenen Personen waren 38 Fahrgäste 19 Passanten und 2 Bahnbedienstete.

Nähere Auskunft über die wirtschaftlichen und technischen Einzelheiten der verflossenen Jahre und des letzten Betriebsjahres ergeben die nachfolgenden Aufstellungen und Tabellen (hier nicht wiedergegeben).


Kraftwagenbetrieb - 4. Betriebsjahr.

Am 1. Februar (1928), dem Tage der Inbetriebnahme der Straßenbahnlinie 3, wurde die Autobuslinie 5 (Jöllenbeckerstraße - Ölmühenstraße) nach Schloßhofstraße – Bieichstraße verlegt. Die Linie, mit einer Streckenlänge von 4,9 km, wird in ¼ stündlicher Folge befahren.

Die Linie 6 wurde nach verschiedenen durch Straßenbahnbauten bedingten Umleitungen vom 1. August (1928) ab von der Bossestraße über Bürgerweg, Hindenburgstraße, Kriegerdenkmal, Obernstraße, Rathaus, Viktoriastraße, Heeper Straße his zum Sieker Amtswege geführt. Am 10. Se tember (1928) wurde sie um 1000 m erweitert, bis zur Wirtschaft Oberwittler am Sieker Amtsweg. Damit erreichte die Linie 6, die ebenfalls in ¼ stündlicher Folge betrieben wird, eine Länge von 4,8 km.

Um die zehn vorhandenen Omnibusse auszunutzen, wurden Sonntagslinien eingerichtet und zwar

vom Jahnplatz zur Rußheide, die aber wegen zu geringer Inanspruchnahme nach etwa einmonatiger Betriebszeit wieder eingestellt wurde,
von der Endstation der Straßenbahnlinie 2 in Sieker bis nach Hillegossen, die Linie ist 3,9 km lang,
von der Endstation der Straßenbahnlinie 1 am Sennefriedhof bis nach Kracks. Die Linie hat eine Länge von 4 km und wird wie die Linie 2 in ½ stündlicher Folge befahren.


Die beiden letztgenannten Linien haben sich so gut eingeführt, dass wir planen, die beiden Linien im Pendelverkehr im Sommer 1929 zu verbinden.

Mitte Oktober wurden zwei neue Dürkopp - Omnibusse, 3 to Schnell-Läufer, mit 55 PS-Motoren ausgerüstet, in den Dienst gestellt mit dem Zwecke, als Einsatzwagen den zu erwartenden Massenvierkehr bei Einführung der Umsteigeberechtigung von Omnibus auf Straßenbahn und umgekehrt zu bewältigen, und die gesteigerten Anforderungen auf Sonderfahrten zu befriedigen.

Die Zahl der den Behörden gemeldeten Unfälle betrug 17, davon verliefen 5 ohne, 9 mit leichten Verletzungen, während 2 schwere Verletzungen zu verzeichnen waren. Ein Unfall verlief tödlich. 11 Fälle waren auf Selbstverschulden zurückzuführen, bei 6 Fällen herrschte unglücklicher Zufall vor.

Weiteren Aufschluß über die Betriebsergebnisse gehen nachfolgende Tabellen und Zusammenstellungen.

Quelle: Jahresbericht des Städtischen Betriebsamts Bielefeld. Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerk, Strassenbahn, Kraftwagenbetrieb und Verkehrsamt für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1928 (Stadtarchiv Bielefeld). Die Angaben in Klammern wurden zum besseren Verständnis ergänzt.

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