Geschäftsbericht der Strassenbahn Bielefeld für das Jahr 1927



Jahresbericht des Städtischen Betriebsamts Bielefeld.
Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerk, Strassenbahn, Kraftwagenbetrieb und Verkehrsamt
für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1927


Allgemeines

Das Geschäftsjahr 1927 brachte unseren Betrieben durch den anhaltenden Konjunkturanstieg eine bedeutende Steigerung des Absatzes von Gas, Wasser und Strom, bzw. eine starke Hebung des Verkehrs. So stieg die Gaserzeugung um über 16%, die Stromerzeugung um über 34%.

Wenn der finanzielle Erfolg nicht entsprechend den Absatzmöglichkeiten einen gleichen Stand erreicht hat, so hatte dieses seine verschiedensten Ursachen. Unser Bestreben war darauf gerichtet, die durch planmäßige Durcharbeitung unserer Betriebe gewonnenen Ersparnisse und Senkungen der Gestellungskosten unserer Produkte zum Teil unserer Kundschaft wieder zugute kommen zu lassen. Wir senkten demgemäß weiterhin unsere Tarife für Gas und Strom für gewerbliche Zwecke.

Durch diese Maßnahme gingen unsere Durchschnittseinnahmen erheblich zurück, und zwar beim Gaswerk von 14,5 auf 13,4 Rpf. pro erzeugtes cbm Gas, beim Elektrizitätswerk von 11,6 auf 10,8 Rpf. für 1 erzeugte kWh. Ungünstig auf das wirtschaftliche Ergebnis wirkte ferner die starke steuerliche Belastung der Betriebe durch die Aufbringungssteuer. Bei der Straßenbahn mußten außerdem noch 90.000 RM (= 6% der Bruttoeinnahmen) als Beförderungssteuer abgeführt werden. Durch diese starke steuerliche Belastung stiegen die Ausgaben für Steuern und Abgaben von RM 270,319 auf RM 412,456. Die Steigerung gegenüber dem Vorjahre beträgt somit 52,58%.

Der Straßenbahnbetrieb hat auch in diesem Jahre wieder seine verfügbaren Mittel für dringende Unterhaltungsarbeiten an den Bahnanlagen restlos aufgewendet. Ein Reingewinn konnte nicht erzielt werden. Das Programm der gründlichen Durcharbeitung der in der Kriegs- und Nachkriegszeit heruntergewirtschafteten Bahnanlagen ist damit noch nicht beendet.

Der Kapitalbedarf der Werke ist - bei dem starken industriellen Einschlag unseres Versorgungsgebietes und dem dementsprechenden, manchmal sprunghaften Anwachsen der Erzeugung - durch die im Dezember 1926 bzw. Januar 1927 aufgenommenen Anleihen von 4,8 Millionen RM bei weitem noch nicht gedeckt.

Umfangreiche Erweiterungen, besonders für das Wasserwerk, das Elektrizitätswerk und die Straßenbahn, erfordern weitere Millionen, wenn die Betriebe die in den nächsten Jahren an sie herantretenden Anforderungen erfüllen sollen.

Der Bau eines gemeinsamen Ausstellungs- und Vorführungshauses für Gas- und Stromgeräte im Mittelpunkt der Stadt, verbunden mit Schaltanlage und Transformatorenräumen für Umstellung des Stadtinnern von Gleichstrom auf Drehstrom wurde beschlossen. Mit dem Bau soll im Frühjahr 1928 begonnen werden.

Die Gasfernversorgungspläne der Kohlenverwertungs A.-G. und die damit verbundenen Bestrebungen wurden von uns dauernd aufmerksam verfolgt, zumal die Lage Bielefelds zum Ruhrgebiet diese Frage besonders aktuell erscheinen läßt.

Mit den V.E.W. und dem Großkraftwerk Hannover wurde ein Stromlieferungsvertrag abgeschlossen, der uns jedoch zunächst in keiner Weise bindet.

Die Einführung des Gases für lndustriefeuerungen machte weiterhin durch planmäßiges Vorgehen gute Fortschritte.

Seit Juni 1927 wurde das bis dahin nur für Stromverbraucher herausgegebene Mitteilungsblatt des Städt. Betriebsamtes (Staebea-Mitteilungen) auch auf die Gasverbraucher ausgedehnt. Alle 2 Monate erscheinen diese Mitteilungen in einer Auflage von 40.000 Exemplaren.

Der Personalbestand am 31. 12. 1927 war: 150 Beamte und Angestellte, 698 Arbeiter - Insgesamt 848 Personen.

Am 1. April 1927 hat Herr Generaldirektor Dr. lng. Lüth die Leitung der Werke übernommen.

Mit dem 1. Juli 1927 wurde das Städt. Verkehrsamt Bielefeld eröffnet und dem Betriebsamt angegliedert.

Die Gegenüberstellung der Betriebsergebnisse 1926/27 gibt über die Entwicklung der Werke Aufschluß. Nähere Einzelheiten sind aus den Sonderberichten zu entnehmen.


Strassenbahn. 27. Betriebsjahr

Die Besserung der gesamten Wirtschaftslage im Jahre 1927 blieb nicht ohne Einfluss auf die Entwicklung der Straßenbahn. Während die Verkehrsziffer im Jahre 1926 die des Jahres 1925 nur um 1% überstieg, zeigte sie im Jahre 1927 ein Anwachsen von 11,2% gegenüber 1926. Die Einnahmen wuchsen entsprechend von 1.647.355 RM auf 1.822.346 RM, das sind 11,1%. Wenn der Überschuß von 1927 mit RM 390.728 trotzdem den von 1926 in Höhe von 376.029 RM nur um 14.699 RM übersteigt, so hat das seine Ursache in den hohen Ausgaben für seit Jahren zurückgestellte Unterhaltungsarbeiten auf der Strecke und in der Werkstatt, insbesondere aber auch in der Abführung einer Beförderungssteuer in Höhe von 90.503 RM.

Die bei der geringen Erhöhung der Fahrleistung von 3% erzielte Verkehrssteigerung von 1927 stellte, zumal sie ausschließlich mit dem alten Wagenbestande bewältigt werden mußte, ganz erhebliche Anforderungen an unseren Wagenpark. Der alte Bestand mußte bis zum letzten Wagen ausgenutzt werden; zeitweilig war nicht ein einziger Anhänger in Reserve. Der erhoffte Einsatz, wenigstens einiger der in Auftrag gegebenen 12 Großraum-Trieb- und 12 Großraum-Anhängewagen schon im Jahre 1927, konnte nicht verwirklicht werden, da die Waggonfabriken einer Ablieferung der neuen Wagen, die vertraglich im November erfolgen mußte, wegen Überlastung in der einen Waggonfabrik und wegen größeren Brandschadens in der anderen Waggonfabrik, nicht nachkommen konnten.

Neben den laufenden kleineren Unterhaltungsarbeiten wurden im Jahre 1927 ausgeführt: 2.965 m Gleiserneuerungen, u.a. in der Schildescherstraße, doppelgleisig auf eine Länge von 700 m im Profil 102, in der Bahnhofstraße, doppelgleisig auf eine Länge von 640 m im Profil 4, am Kriegerdenkmal, doppelgleisig auf eine Länge von 65 m im Profil 102 und eingleisige Stücke am Landgericht, in Sieker an der Endstation und in Brackwede im Profil 4 und 102.

Beschafft wurde ein Schienenschleifwagen, der uns ein Mittel in die Hand gibt, die Aufwendungen der gewöhnlichen Unterhaltung des Oberbaues durch Schleifen der Riffeln - eine Hauptursache für Lockerung der Schienen und der Pflasterbahn - wesentlich herabzudrücken.

Im Mai wurde begonnen mit dem Bau der neuen Linie Jöllenbeckerstraße – Jahnplatz - Oelmühlenstraße. Bis Jahresende konnten 3,56 km Doppelgleis mit 10 Weichen, wovon 2 elektrisch betrieben werden, mit 7 Gleiswechseln, einer Doppelgleis- und 2 einfachen Gleiskreuzungen im Normalprofil 4 fertig gestellt werden. Die Inbetriebnahme der 4,1 km langen Strecke bis zur Stadtgrenze ist zum 1.2.1928 in Aussicht genommen. Die Gesamtlänge der neuen Linie beträgt 4,974 km.

Bei den Erneuerungs- und Erweiterungsbauten wurden sämtliche Stöße nach dem alumino-thermischen Verfahren geschweißt. Insgesamt wurden 1298 Schweißungen vorgenommen.

Mit den Gleisumbauten hielt die Auswechslung der bis auf das zulässige Maß abgefahrenen Oberleitung gleichen Schritt. Insgesamt wurden 9.450 m Runddraht von 50 qmm Querschnitt und 610 m Profildraht von 80 qmm Querschnitt eingebaut. 44 Trieb- und 24 Anhängewagen kamen zur Hauptuntersuchung. Neben den im Betrieb vorkommenden kleineren Reparaturen wurden an 26 durch Zusammenstöße beschädigten Trieb- und Anhängewagen Instandsetzungen ausgeführt.

Weitere 8 Triebwagen mit halboffenen wurden in solche mit vollgeschlossenen Plattformen umgebaut, so daß damit insgesamt 28 Triebwagen und 12 Anhängewagen unseres Wagenparkes mit vollgeschlossenen Plattformen versehen sind. Nach Eintreffen der neuen Trieb- und Anhängewagen wird nur noch rund 1/3 unseres Wagenbestandes halboffene Plattformen haben. Zwecks Herabminderung der Störungen in den Lichtleitungen wurden die an den oberen Perronblechen sitzenden schwer zugänglichen Lichtsteckdosen an 76 Wagen nach dem unteren Teile der Plattform verlegt.

An der Haltestelle Brackwede-Bahnhof wurde als Ersatz für die baufällige offene Wartehalle eine geschlossene Halle mit etwa 25 qm Grundfläche geschaffen.

Durch Freigabe einiger bisher vom Elektrizitätswerk benutzten Räume wurde Platz geschaffen, um die seit Jahren dringend notwendige Erweiterung der Kassen- und Aufenthaltsräume vorzunehmen. Neu geschaffen wurde ein Aufenthaltsraum von 235 qm und ein Kassenraum von 90 qm Grundfläche, dazu ein Unterrichtsraum von 35 qm und ein Wasch- und Abortraum von 36 qm Grundfläche.

Im Oktober wurde mit dem Bau einer neuen 2.150 qm großen Wagenhalle begonnen, die Raum für 56 Trieb- und Anhängewagen bietet. Die Fertigstellung erfolgt voraussichtlich Ende Mai 1928.

Die Zahl der den Behörden gemeldeten Unfälle betrug 54, davon verliefen 22 ohne, 27 mit leichten, 3 mit schweren Verletzungen und 2 tödlich. 38 Fälle waren auf Selbstverschulden zurückzuführen, in 14 Fällen herrschte unglücklicher Zufall vor, 2 Fälle blieben ungeklärt.

Nähere Auskunft über die wirtschaftlichen und technischen Einzelheiten der verflossenen Jahre und des letzten Betriebsjahres geben die nachfolgenden Aufstellungen und Tabellen.


Kraftwagenbetrieb 3. Betriebsjahr

Das Jahr 1927 zeichnete sich im Gegensatz zu 1926 durch eine gewisse Stetigkeit in der Benutzung der Autobusse und in den Einnahmen aus, trotz der wiederholt notwendig gewordenen Linienumlegungen, die erfahrungsgemäß zunächst eine gewisse Abwanderung mit sich bringen und sich erst wieder einbürgern müssen. Während im Jahre 1926 die niedrigste und die höchste Tageseinnahme 466 RM bzw. 2.590 RM betrugen, stellten sich diese Zahlen 1927 auf 782 RM und 2.622 RM. Die Monatsergebnisse schwankten zwischen 31.524 RM und 41.811 RM, wogegen sie im Jahre 1926 zwischen 18.746 RM und 40.448 RM lagen.

Das Gesamtergebnis fiel dementsprechend günstig aus. Die Einnahmen von 458.508,05 RM sind 30% höher als im Jahre 1926; die Ausgaben stiegen um 7% und betrugen 360.499,78 RM. Die reinen Betriebskosten konnten von 88 auf 82 Pfg. für einen Wagenkilometer herabgedrückt werden.

Die Zahl der gefahrenen Wagenkilometer stieg insgesamt um 15%, die der Sonderwagen-Kilometer um 79%, ein Zeichen dafür, wie gern die Wagen zu Ausflügen benutzt werden. Die Sonderwagen-Kilometer sind an der Gesamtleistung mit 6% beteiligt. Die Zunahme an Fahrgästen betrug 32%.

Der Ausbau der Straßenbahnlinie 3 bedingte die wiederholte Verlegung der Linie Jöllenbeckerstraße - Jahnplatz - Oelmühlenstraße, u. a. über Arndtstraße, Turnerstraße, Rohrteichstraße und Ehlentrupper Weg. Die Strecke von Melanchthonstraße bis zur Apfelstraße mußte ab 13. 10. 1927 aus dem gleichen Grunde dauernd außer Betrieb gesetzt werden.

Die Linie Bürgerweg - Jahnplatz - Finkenstraße wurde auf allseitigen Wunsch bis zur Ziegelstraße erweitert. Die Linie hat damit eine Länge von 5,1 km.

Die Zahl der den Behörden gemeldeten Unfälle betrug 16, davon verliefen 5 ohne, 11 mit leichteren Verletzungen. Schwere Verletzungen und tödliche Unfälle waren nicht zu verzeichnen. 8 Fälle waren auf Selbstverschulden zurückzuführen, während bei 8 Fällen unglücklicher Zufall vorherrschte.

Weiteren Aufschluss über die Betriebsergebnisse geben nachfolgende Tabellen und Zusammenstellungen.


Quelle: Jahresbericht des Städtischen Betriebsamts Bielefeld. Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerk, Strassenbahn, Kraftwagenbetrieb und Verkehrsamt für die Zeit vom 1. Januar bis 31. Dezember 1927 (Stadtarchiv Bielefeld). Die Angaben in Klammern wurden zum besseren Verständnis ergänzt.

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