Geschäftsbericht der Strassenbahn Bielefeld für das Jahr 1914



Jahresbericht des Städt. Betriebsamts Bielefeld
(Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerk und Strassenbahn)
für die Zeit vom 1. April 1914 bis 31. März 1915


Allgemeines

Die diesjährigen Berichte über die vier städtischen gewerblichen Unternehmen stehen im Zeichen des Krıeges, der sowohl auf die Betriebsführung als auch auf die wirtschaftlichen Ergebnisse eine starke Einwirkung ausübte. Die Aufrechterhaltung eines geregelten, ordnungsmässigen Betriebes bot besonders in der ersten Zeit nach Ausbruch des Krieges grosse Schwierigkeiten. Gleich in den ersten Tagen der Mobilmachung mussten 3 von den 4 Ingenieuren, denen die Betriebsleitung der Werke obliegt und die drei Obermaschinisten des Elektrizitätswerkes ins Feld ziehen. Innerhalb 14 Tagen folgten mehrere Meister und der grösste Teil der Maschinisten, Heizer, Handwerker und der Strassenbahnleute. In der ersten Zeit nach Kriegsausbruch mussten deshalb an die Zurückbleibenden, besonders an ältere Meister, die längere Zeit Tag- und Nachtdienst versehen mussten, bis geeigneter Ersatz herangebildet war, recht hohe Anforderungen gestellt werden, um bei allen 4 Werken einen ungestörten Betrieb durchführen zu können. Die meisten Schwierigkeiten bot die Beschaffung des geeigneten Ersatzes für die eingezogenen Strassenbahnleute. Von 110 Führern und Schaffnern wurden schon in den ersten 14 Tagen 70 eingezogen und zu Ende des Berichtsjahres waren von dem alten Bestand noch 20 Leute vorhanden. Der erste Ersatz, der aus älteren Jahrgängen des Landsturmes bestand, wurde grösstenteils auch wieder eingezogen, sodass es trotz der Einschränkung des Betriebes nicht leicht war, für die fortwährend abgehenden Leute schnell genug Ersatz auszubilden.

Der ungünstige Einfluss des Krieges auf die wirtschaftlichen Ergebnisse der 4 Unternehmen machte sich am stärksten beim Gaswerk und beim Elektrizitätswerk geltend, was aus den nachstehenden Einzelberichten zu ersehen ist.

Neben diesen nachteiligen Folgen des Krieges trat auch eine recht erfreuliche Erscheinung zu Tage; er zeigte bei allen Angestellten und Arbeitern des städtischen Betriebsamtes ein schönes Gefühl der Zusammengehörigkeit und eine anerkennenswerte Opferfreudigkeit. Schon gleich zu Beginn des Krieges gaben die zurückgebliebenen Angestellten der Strassenbahn namhafte Beträge von ihrem Lohn an die Angehörigen ihrer im Felde stehenden Kameraden ab. An Weihnachten (1914) und Ostern (1915) wurden Sammlungen unter allen Angestellten und Arbeitern des Betriebsamtes veranstaltet, die einen Ertrag von 3.861,- M brachten. Aus diesen Mitteln konnten an Weihnachten bei Gelegenheit einer schön verlaufenen Feier 140 Frauen und 279 Kinder der im Felde stehenden Arbeiter mit Geldmitteln und anderen Gaben reichlich beschenkt werden. An Ostern (1915) wurden denjenigen Familien, von welchen Kinder konfirmiert wurden, Unterstützungen gewährt. Auch sonst konnte in besonderen Notfällen, in denen die staatliche und städtische Unterstützung nicht ausreichte, für die Angehörigen der im Felde stehenden gesorgt werden.

Bei der Beschaffung des wichtigsten Nahrungsmittels, der Kartoffel, zu angemessenen Preisen, konnten wir unsern Angestellten ebenfalls behilflich sein. Als zu dem festgesetzten Höchstpreis von 4,50 M infolge der Zurückhaltung der Landwirte und der Großhändler Kartoffeln nicht mehr zu kaufen waren, wurde das auf unserem Gaswerk erzeugte und als Düngemittel sehr begehrte schwefelsaure Ammoniak nur in Gegenlieferung von Kartoffeln zum festgesetzten Höchstpreis an die Landwirte abgegeben. Auf diese Weise konnten über 800 Ztr. Kartoffeln beschafft werden, die zur Deckung des Bedarfes unserer Arbeiter nach Eintritt der Teuerung ausreichten.

Ausser der staatlichen und städtischen Unterstützung erhielten die Angehörigen der im Felde stehenden Angestellten und Arbeiter vom Betriebsamt folgende Zuwendungen:

Die Angehörigen der verheirateten nicht beamteten Angestellten die Hälfte des Gehaltes. Die Angehörigen der Arbeiter für die Frau monatlich 8 M, für jeden weiteren Empfangsberechtigten der Reichsunterstützung je 2 M monatlich.

Hierfür wurden in der Zeit vom 1. August 1914 bis zum 31. März 1915 aufgewendet:

für die Angehörigen des Angestellten ½ des Gehalts 7.804 M
für die Angehörigen der Arbeiter der Strassenbahn 7.310 M
für die Angehörigen der Arbeiter des Elektrizitätswerkes 1.200 M
für die Angehörigen der Arbeiter des Gaswerkes 3.886 M
für die Angehörigen der Arbeiter des Wasserwerkes 315 M
insgesamt 20.515 M


Von 503 Angestellten und Arbeitern, die bei Ausbruch des Krieges beim Betriebsamt beschäftigt waren, sind 280 ins Feld gezogen. Nach den uns zugegangenen Nachrichten wurde eine grosse Zahl befördert und durch Verleihung des eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Leider haben wir auch den Tod mehrerer von uns sehr geschätzter Angestellter und Arbeiter zu beklagen, Wir werden den auf dem Felde der Ehre Gefallenen ein ehrendes Andenken bewahren.


Strassenbahn. 14. Betriebsjahr.

In den ersten 4 Monaten des Berichtsjahres waren die Betriebsergebnisse der Bahn erheblich günstiger als in der gleichen Zeit des Vorjahres. Bis zum 1. August (1914) betrugen die Einnahmen 217.631 M gegen 195.486 M, also rund 11% mehr als in den 4 ersten Monaten des vorhergehenden Berichtsjahres.

Mit Kriegsausbruch ging der Verkehr gleich sehr stark zurück, sodass wir uns sowohl aus diesem Grunde, als auch infolge des plötzlich eingetretenen starken Mangels an Angestellten gezwungen sahen, den 5 Minuten-Betrieb auf der Strecke Brackwede - Rettungshaus und den 7 ½ Minuten-Betrieb auf der Strecke Bahnhof - Sieker aufzuheben und auf allen Linien einen 10 Minuten-Betrieb einzuführen. Dieser Betrieb hat sich auch für die Folge, als der Verkehr vom September ab wieder etwas zunahm, als völlig ausreichend erwiesen. Eine Verstärkung wäre auch wegen der ständig zunehmenden Schwierigkeiten, geeignete Führer und Schaffner zu bekommen und auszubilden, nicht möglich gewesen.

Trotz dieser Betriebseinschränkung ist jedoch das wirtschaftliche Ergebnis nicht ungünstiger als im Vorjahr, da die Ausnutzung der Fahrgelegenheit eine wesentlich bessere war als bei dem stärkeren Betrieb im Vorjahr. Die Durchschnittseinnahme für ein Wagenkilometer ist von 33,9 Pf. auf 35,2 Pf. gestiegen. Deshalb wurde auch ungefähr derselbe Betriebsüberschuss erzielt wie im Vorjahr. Dies günstige Ergebnis ist in der Hauptsache auf die Aufhebung des unwirtschaftlichen 5 Minuten-Betriebs auf der Strecke von der Stadtgrenze nach Brackwede zurückzuführen. Schon im letzten Jahresbericht wurde darauf hingewiesen, dass ein 5 Minuten-Betrieb bis Brackwede weit über das wirkliche Verkehrsbedürfnis hinausgeht und dass der hohe Zuschuss, den das Strassenbahnunternehmen im vorigen Jahr forderte, nur eine Folge dieses Missstandes war. Es wird sich deshalb empfehlen, auch nach dem Kriege nicht wieder zum 5 Minuten-Betrieb auf dieser Strecke zurückzukehren.

Für den im Vorjahr beschlossenen Bau der Ost-Westlinie waren bis kurz vor Ausbruch des Krieges alle Vorarbeiten beendet und die Vorbereitungen so weit getroffen, dass nach Vereinbarung mit den Lieferanten und Unternehmern am 2. August mit dem Bau begonnen werden sollte. Mit Eintritt der Mobilmachung musste der Plan aufgegeben werden und kann vor Beendigung des Krieges nicht wieder aufgenommen werden, da es nicht nur an Arbeitskräften, sondern auch an Baustoffen fehlt. Das für die Oberleitung nötige Kupfer, das schon angeliefert war, wurde für Heereszwecke beschlagnahmt. Die Schienen und ein Teil der Weichen liegen fertıg auf dem Lagerplatz der Georgsmarienhütte. Die behördliche Genehmigung für die neue Linie wurde am 19. Dezember erteilt.

Die Zahl der Unfälle im Berichtsjahr war mit Rücksicht darauf, dass nach Kriegsausbruch ein Teil der Führer nur notdürftig ausgebildet war, verhältnismäßig gering, sie betrug nur 35 gegen 46 im Vorjahr. Davon verliefen 25 ohne Verletzung; bei 9 Fällen kamen leichtere und nur bei 1 kam eine schwere Verletzung vor, ein Todesfall trat nicht ein. Trotz aller Warnungen durch die Angestellten war wieder das Auf- und Abspringen von den Wagen mehrfach Ursache des Unfalles.

Die wichtigsten Betriebs- und wirtschaftlichen Ergebnısse sınd folgende:

Gesamtzahl der gefahrenen Wagenkilometer 1.495.016 gegen 1.792.652 im Vorjahr.

Zahl der beförderten Personen 5.347.467 gegen 5.777.899 im Vorjahr.

Einnahmen 528.947 M gegen 5.777.899 im Vorjahr
Ausgaben 384.401 M gegen 468.784 im Vorjahr
Betriebsüberschuss 144.546 M gegen 143.530 im Vorjahr
Zuschuss von der Kämmereikasse - gegen 61.000 im Vorjahr
Verzinsung des Anlagekapitals 79.421 M gegen 68.888 im Vorjahr
Tilgung und Abschreibung 63.544 M gegen 115.642 im Vorjahr
Erneuerungsbestand - gegen 20.000 im Vorjahr
Für Kriegsunterstützungszwecke (ersparte Tilgung) 1.581 M gegen - im Vorjahr

Der für die Verzinsung erforderliche Mehrbetrag von 10.533 M entspricht der Erhöhung des Anlagekapitals durch den zweigleisigen Ausbau der Strecke nach dem rettungshaus und den Bau der Linie nach dem Sennefriedhof.

Abschreibungen wurden nur in Höhe von 63.544 M vorgenommen, das sind nur 51,9% des nach normalen Abschreibungssätzen sich ergebenden Betrages. Von einem Zuschuss der Kämmereikasse wurde in diesem Jahr mit Rücksicht auf die durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse abgesehen. Der Fehlbetrag von 58.655 M soll in späteren Jahren, sobald die Mittel es gestatten, durch Sonderabschreibungen gedeckt werden.


Quelle: Jahresbericht des Städt. Betriebsamts Bielefeld (Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerk und Strassenbahn) für die Zeit vom 1. April 1914 bis 31. März 1915 (Stadtarchiv Bielefeld). Die Angaben in Klammern wurden zum besseren Verständnis ergänzt.

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