Trümmerbahn Minden (Westfalen)

Die Stadt Minden wurde im zweiten Weltkrieg mehrfach Ziel von Bombenangriffen, die das Wasserstrassenkreuz, Bahn- und Industrieanlagen zerstörten. Am 28. März 1945 richtete der letzte Bombenangriff in der historischen Altstadt schwere Schäden an. Die abziehende Wehrmacht sprengte in den letzten Stunden alle Weserbrücken, am 4. April 1945 wurde Minden von Kanadischen Truppen besetzt und stand danach unter britischer Militärverwaltung.

„Alles lag in Trümmern“ – das ist der erste Eindruck beim Blick auf das Jahr 1945. Schrittweise wurden in Minden die Spuren des Krieges beseitigt – die Stadt wurde enttrümmert. In den Akten der Stadt Minden sind die Arbeiten gut dokumentiert.

Am 4. August 1945 kam es mit Major Davis von der britischen Militärverwaltung zu ersten Absprachen über die Beseitigung der Trümmer in der Mindener Innenstadt. Es sollten zunächst die verschütteten Straßen geräumt werden. Als Transportmittel kamen bei dieser ersten Räumung Pferdegespanne zum Einsatz. Am 21. September 1945 sind in der Innenstadt alle Straßen freigeräumt. Verzögerungen gab es durch fehlende Pferdefuhrwerke, die in der Kartoffelernte dringend gebraucht wurden.

Im Oktober 1945 berichtet der Bürgermeister über Sperrholz auf dem Gelände der Firma Eggers nahe dem Bahnhof Minden-Oberstadt: „Zur Holzabfuhr ist beabsichtigt, an 2 Tagen der nächsten Woche einen Langholzwagen bei der Mindener Kreisbahn zu leihen und ebenfalls Schmidt, der langjährige Erfahrung in der Holzabfuhr hat und dem auch die sonst erforderlichen Geräte zur Verfügung stehen, einzusetzen“.

Danach ruhen die Arbeiten – der Wiederaufbau der Weserbrücke und andere Aufgaben sind für die Stadt dringlicher. Im Frühjahr 1947 wurden die Meldeformulare des „Landesbaulenkungsamtes“ über den Einsatz von Dampfloks, Dampfbaggern und sonstigen Geräten leer abgeheftet. Es gab noch keine Aktivitäten für die Landesstatistik zu melden.

Erst im Frühjahr 1948 begannen Maßnahmen zur Räumung der zerstörten Häuser in der Innenstadt. Die Notizen in den Akten zeigen, dass sich die Mindener Verwaltung vorab in den Städten Bielefeld und Osnabrück nach deren Erfahrungen mit der Trümmerbeseitigung erkundigt hatte. Aus Osnabrück kam der Hinweis, dass dort der Transport mit der Strassenbahn an fehlenden Güterwagen gescheitert war.

Überhaupt sind die betroffenen Städte gut vernetzt. Die „Deutsche Studiengesellschaft für Trümmerbeseitigung“ in Hamburg (Chilehaus B III) richtete „interzonale Tagungen“ aus, bei denen sich die Städte über ihre Erfahrungen mit der Trümmerbeseitigung austauschten. Themen waren die Aufbereitung des Trümmerschutts zu neuen Baustoffen, Transportfragen und juristische Themen (Eigentumsfragen). In den Protokollen werden auch die Städte Magdeburg und Dresden als Mitglied genannt.

Im Frühjahr 1948 – also drei Jahre nach den letzten Bombenangriffen – beginnen in Minden die Vorbereitung für die Räumung der Ruinen auf den Trümmergrundstücken in der Innenstadt. Am 23. April 1948 beschloss der Rat eine „allgemeine Enttrümmerungsaktion unter freiwilliger Mithilfe der Mindener Bürgerschaft“ und gibt in der Zeitung bekannt: „Die Stadt Minden befiehlt nicht, sie appelliert an dein Gemeinschaftsgefühl. Was du für Minden tun kannst, tust du für dich“. Jeder männliche Einwohner im Alter von 16-60 Jahren war zu einem einmaligen freiwilligen 6-stündigen Arbeitseinsatz an einem Wochentage in den Vormittagsstunden von 7.00 – 13.00 Uhr aufgerufen. Daneben wurden Betriebe und Behörden angehalten, sich mit ihrem Personal an den Arbeiten zu beteiligen.

Für den Transport hatte die Stadt Minden die Strassenbahn um Unterstützung gebeten, um „die Schutt- und Trümmermassen aus dem inneren Stadtkern (…) zu befördern. Es ist beabsichtigt, die Wagen in der Scharnstrasse zu beladen und bis zum Betriebshof zu fahren. Hier sollen sie auf dem östlichen Stationsgleis an der Einmündung zur Wittekindsallee abgestellt, und das Material auf Feldbahnwagen umgeladen und zum Abladeplatz an der Salierstr. gefahren werden. Es erscheint zweckmäßig, damit ein ungestörtes Aufladen möglich ist, den Straßenbahnverkehr zwischen Markt und Poos jeweils von 7-13 Uhr zu sperren. Für die Fahrt bis zum Betriebshof brauchte u.E. der fahrplanmäßige Verkehr nicht gestört werden. Die Abfuhr würde sich am wirtschaftlichsten gestalten, wenn ein Motorwagen mit 4 Waggons von ca. 6 to. Eingesetzt würden, wovon jeweils 2 Waggons unterwegs sein könnten, während in dieser Zeit die beiden anderen Wagen beladen würden. Da die Mindener Kreisbahn zugesagt hat 2 Waggons zur Verfügung zu stellen, würden wir sie bitten weitere 2 Waggons aus ihrem eigenen Betrieb freizumachen“.

Die Mindener Strassenbahn sagte ihre Unterstützung zu und regte an, die offenen Güterwagen bei den Mindener Kreisbahnen zu mieten, „der Achsabstand darf aber höchstens 3 Meter betragen“. Die Mindener Kreisbahnen waren bereit, „4 zweiachsige OW-Wagen“ leihweise auf unbestimmte Zeit zur Verfügung zu stellen. „Die Leihmiete beträgt RM 3,- pro Wagen und Tag“.

Die Enttrümmerungsaktion begann am 7. Mai 1948, für die Öffentlichkeit gingen die Stadtverordneten am ersten Tag „mächtig ran“ und hofften, dass ihnen viele Freiwillige folgen. An den ersten 12 Tagen kamen 575 freiwillige Kräfte zum Einsatz. Mit dem Schutt wurde zunächst der Feuerlöschteich neben der Synagoge verfüllt, danach wurde er zum Jahnplatz gebracht und ab dem 24. Mai 1948 zu einer ehemaligen Sand- und Kiesgrube in der Salierstraße gefahren (in den Unterlagen als „Kippe Portastrasse“ bezeichnet).

Die Strassenbahnwagen kamen mit jeweils 2 OW-Wagen der Mindener Kreisbahnen zum Einsatz. Dabei „hat sich herausgestellt, daß hierbei der planmässige Verkehr der Strassenbahn am wenigsten beeinträchtigt wird“.

Am 24.9.1948 berichtet die Stadt Minden an den Regierungspräsidenten in Detmold: „Für den Transport waren bis zur Währungsreform ständig 1 Zugmaschine und drei Anhänger, Pferdefuhrwerke und zeitweise die Straßenbahn eingesetzt. Soweit die Schuttmassen mit der Straßenbahn abgefahren wurden, musste unterwegs auf Feldbahnloren umgeladen werden und mit einer Diesellok noch ca. 500 m weitertransportiert werden. Das erforderliche Feldbahngleis, die Diesellok, die Loren, der Straßenbahnwagen und die erforderlichen Waggons waren ebenfalls von Unternehmen angemietet“.

Die Feldbahnstrecke vom Betriebshof der Strassenbahn bis zur Kippe in der Salierstrasse wurde von dem Mindener Tiefbauunternehmen „Lohmeyer & Müther“ errichtet. Im Juli 1948 wird als Feldbahnmaterial gemeldet: 1 Diesellokomotive (062 Lfd. Nr. der Geräteliste), 600 mm Spurweite, 12 PS und 3400 Kg Gewicht. Dazu 10 Muldenkipper (¾ cbm, 375 Kg Eigengewicht), 620 Meter Gleis und „1 Elektrische Strassenbahnzugmaschine“. Weiter waren von der Firma „Bahnbedarf Bachmann & Co“ (Hagen) zwei auflegbare Drehscheiben angemietet worden.

In zwei „Tagebüchern Enttrümmerung“ werden feinsäuberlich das Wetter und die Zahl der Arbeitskräfte festgehalten. Die Notizen bestätigen den Eindruck der Stadt Minden: „Nach der Währungsreform (am 20. Juni 1948, CB) ließ die freiwillige Beteiligung der städtischen Bürger sehr nach, sodass an verschiedenen Tagen überhaupt niemand zur Stelle war“. An die Stelle der Freiwilligen traten zunächst Mitarbeiter von Behörden und Firmen, die für einen Tag abgestellt wurden. Um Leerlauf zu vermeiden wurde der Betrieb mit den Strassenbahnfahrzeugen zunächst eingeschränkt und im August 1948 nach nur 10 Wochen beendet.

Danach wurden die erbrachten Leistungen abgerechnet. Die Mindener Kreisbahnen schickten der Stadt für den Verleih der beiden OW-Wagen vom 4.6. - 15.8.1948 eine Rechnung über 346,20 DM , das entspricht etwa 50 Betriebstagen. Auch der Feldbahnbetrieb zur Kippe wurde eingestellt und die angemieteten Materialien mit dem Tiefbauunternehmen „Lohmeyer & Müther“ abgerechnet. Am 14. August 1948 wurden zurückgegeben: Eine „Deutz-Diesellok 12 P.S.“, eine Gleiswinde und Kleineisen. Danach mietete die Stadt Minden nur noch 116 Meter Gleis, 4 Kipploren und eine Drehscheibe für den Einsatz im Räumgebiet. Der Schutt wurde danach mit LKW abgefahren. Die Enttrümmerungsaktion wurde nach dem Fernbleiben der freiwilligen Helfer mit wenigen Arbeitern zu Ende geführt und zog sich bis zum 4. Dezember 1950 hin – dann enden die Aufzeichnungen in den „Tagebüchern Enttrümmerung“.

Ungeklärt ist die Identität der Feldbahnlok. Die Firma „Lohmeyer & Müther“ rechnete eine „Deutz-Diesellok“ mit 12 PS ab, in der Deutz-Lieferliste findet sich auf sie aber kein eindeutiger Hinweis.

Fazit: Die Trümmerräumung in Minden war mit „nur“ 76.000 cbm Schutt im Vergleich zu anderen Städten überschaubar. Trotzdem hat sie im Archiv genügend Akten hinterlassen, die Trümmerräumung wurde von der Stadt Minden korrekt durchgeführt und sauber dokumentiert. Viele Informationen (vor allem Eigentumsfragen) sind für Eisenbahnfreunde für ihre Nachforschungen nicht entscheidend. Für den Betrieb von Trümmerbahnen sind die Akten aber ergiebig. Mein Tipp für verregnete Tage: Besuchen sie das Archiv ihrer Stadt und machen sie sich auf die Suche. Sie werden erstaunt sein, was es dort zu finden gibt!

Der Beitrag erschien in der Zeitschrift "Die Museums-Eisenbahn", Heft 1/2019,S. 30-33 und 2/2019, S. 16. Dort finden sich auch die genauen Quellenangaben.

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