Freie Presse vom 2. August 1956



„Auf Wiedersehen" - ein Wunsch nur

Spalier für die letzte Fahrt der Kleinbahn

Seit gestern kann man in Werther keine Lok mehr pfeifen hören.

„Auf Wiedersehn, auf Wiedersehn", sangen am gestrigen Vormittag in Werther die Arbeiter der Firma Poppe & Potthoff. Ihr Lied galt dem mit Blumen und Girlanden geschmückten letzten Zug der Kreisbahn, der durch ihr Spalier in Richtung Bielefeld abdampfte. Etwas wehmütig schaute der Lokomotivführer aus seinem Stand, weiß er doch, daß er trotz des Wunsches der Arbeiter nicht mit seinem Züglein zurückkehren wird. Offiziell verließ nämlich bereits vorgestern der letzte Zug das Städtchen Werther und gestern wurden nur noch die letzten auf dem Gelände des ehemaligen Kleinbahnhofes stehenden Güterwagen „eingesammelt".

Über 55 Jahre lang verband das „Bähnle" die Bevölkerung von Werther mit der nahen Großstadt Bielefeld. Über 55 Jahre lang gehörten die alten wagen der Kleinbahn zum Lanschaftsbild im Amt Werther, genauso wie jenseits der Berge der größere Bruder, der „Haller Willem".
Am 1. April 1901 wurde die Linie nach Werther der Bielefelder Kreisbahnen feierlich eingeweiht. Bis zum letzten Tag ihres Bestehens leistete die Kreisbahn treue und zuverlässige Dienste.
Jetzt stehen nun endgültig seit dem gestrigen Vormittag die Signale auf Halt. Das altvertraute Pfeifen der Lokomotive werden die Anlieger nicht mehr hören und mancher alte Wertheraner wird gestern vielleicht noch einmal an seine Jugendzeit zurückgedacht haben, war doch manche besondere Erinnerung mit der Kleinbahn verknüpft. Mit dem letzten Zug ging gestern ein Stück Zeitgeschichte in Werther vorüber.
Wie von der FREIEN PRESSE bereits mehrfach berichtet, war schon vor längerer Zeit vom Minister für Wirtschaft und Verkehr der Beschluß ergangen, auch den Güterverkehr auf der Strecke von Werther nach Bielefeld ab 31. Juli 1956 einzustellen. Bis zum letzten tage brauchte sich die Kreisbahn nicht über mangelnde Aufgaben zu beklagen, denn auch in den letzten Wochen ihres Bestehens wurden noch täglich etwa 70 Tonnen Fracht in Werther umgeschlagen.
Diese Frachten werden nun über die Straße heran- und forttransportiert werden müssen. Das Bahnhofsgebäude in Werther liegt seit gestern völlig verwaist da. Zwischen den Schienen, die sicher bald Rost ansetzen werden, wird das Unkraut wuchern. „Auf Wiedersehn" - ein Traum, der nicht in Erfüllung gehen wird ...


Dazu ein Bild mit Lok Dornberg im Anschlußgleis von Poppe & Potthof, Bildlegende: EINEN WEHMÜTIGEN ABSCHIED gab es am gestrigen Vormittag in Werther, als eine Lokomotive der Kleinbahn die letzten Waggons „einzusammeln" kam, da der betrieb auf der Strecke Bielefeld - Werther eingestellt worden ist. Die Arbeiter der Firma Poppe & Potthoff bildeten gestern Spalier für die mit Blumen geschmückte Lok, als sie endgültig zur letzten Fahrt in Richtung Bielefeld abdampfte. Foto: FP (v. Juterczenka)

Wiedergabe des Artikels aus der "Freien Presse "
mit freundlicher Genehmigung der Zeitung NEUE WESTFÄLISCHE


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