Freie Presse vom 1. Dezember 1952



Kosten eine halbe Million

Sie sind so stromstark wie die Zugspitzbahn

Jungfernfahrt der neuen Großraumzüge der Herforder Kleinbahnen

Herford. Am Sonntagmorgen nahm auf dem Herforder Kleinbahnhof in Gegenwart der Direktoren Kleinemeyer und Dr. Trockels der leitende Betriebsingenieur Kammeyer auf dem gepolsterten Sessel des Führerstanxes eines der neuen Großraumzüge der Herforder Kleinbahnen Platz. Türen schließen automatisch. Grünes Licht gibt Signal: ein Hebeldruck, und schon beginnt die Jungfernfahrt mit der Presse. Sanft und stoßfrei. Mit 1600 Volt Gleichstrom, die im Bundesgebiet nur noch die benachbarte Extertalbahn sowie die Zugspitzbahn aufzuweisen haben.

Es gibt in diesen Zügen keinen Kurbelanlasser (CB: gemeint ist der Fahrschalter mit Rad, der in den Triebwagen 1-7 eingebaut war) mehr. Der Fahrer hat links neben sich den erwähnten Hebel: Rückt er ihn vor, so fährt der wagen, rückt man den Hebel zurück, so bremst die Bahn. Dazu vier Pedale: Sand, Läuten, Pfeiffen und Abblendung. Rechts Luftdruckhebel (CB: gemeint ist das Bremsventil) und vor dem Fahrer Kontrollampen sowie Schalter. Ein ganz neues Bild eines Führerstandes, der sogar Fußheizung und Scheibenwischer aufweist. Verwirklichter Traum von Technik!
Jeder Zug besteht aus einem 16 m langen, vierachsigen Großraumtriebwagen und einem gleichgroßen Beiwagen mit Steuerkopf, so daß der Zug auch in Gegenrichtung vom Beiwagen (Anhänger) aus gesteuert werden kann. Es ist auch möglich, beide Züge zu einem 4-Wagenzug zusammenzukuppeln und jeweils von einem Führerstand aus zu fahren. Ein Umsetzen des Zuges auf den Endhaltestellen entfällt.
Die sonst übliche Vorderplattform des Beiwagens fehlt also, so daß die vordere Hälfte des Beiwagens als Fahrgastraum ausgebaut worden ist, wodurch 8 Sitzplätze gewonnen wurden. Die nutzbare Länge jedes Wagens beträgt 15 m, ihre Breite 2,50 m. Alle Wagen sind mit doppeltürigem Mitteleinstieg versehen. Die Türen werden durch den Schaffner elektrisch geöffnet und geschlossen.
Die Triebwagen ruhen auf einem Triebdrehgestell und einem Laufdrehgestell. Im Triebdrehgestell sind 2 Gleichstrommotore von je 70 kW in Serienschaltung untergebracht.

Fahrer arbeitet mit 24 Volt

Die Fahrschaltung beruht auf dem elektro-pneumatischen System, dessen Prinzip es ist, mit Schwachstrom von 24 Volt die Luftventile einer Schaltbatterie zu steuern und damit Schütze in Tätigkeit zu setzen, die ihrerseits die einzelnen Fahr- und Bremsstufen schalten. Es wird also im Gegensatz zu früher auf den einzelnen Führerständen nicht mehr mit der vollen Oberleitungsspannung von 1600 Volt, sondern nur mit 24 Volt Schwachstrom vom Fahrer gearbeitet.
Die neuen Fahrzeuge sind mit vier voneinander unabhängigen Bremssystemen ausgerüstet, und zwar mit einer elektrischen Kurzschlussbremse, Luftdruckbremse, Handbremse und die Triebwagen außerdem noch mit einer Schienenbremse, die ebenfalls mit 24 Volt aus der eigenen Stromquelle des Wagens gesteuert ist und damit unabhängig von dem Oberleitungsstrom ist, also praktisch auch bei Stromausfall betätigt werden kann. Die Fahrzeuge sind hierdurch und auch durch sonstige zusätzliche Einrichtungen mit den modernsten Sicherheitsmöglichkeiten ausgerüstet.

Alles gepolstert

Die Triebwagen verfügen über je 52 Sitz- und 48 Stehplätze, die Beiwagen über 60 Sitz- und 40 Stehplätze. Sämtliche Sitzplätze sind gepolstert, alle Wagen werden elektrisch beheizt. Die Fahrzeuge haben bei geschlossenen Türen außen weder Handgriffe noch Trittbretter, so daß ein Aufspringen auf einen bereits fahrenden Zug nicht mehr möglich ist und hierdurch bisher oft hervorgerufene Unfälle vermieden werden. Die Triebwagen sind für Nichtraucher, die Beiwagen für Raucher vorgesehen. Alle Wagen haben Stirn- und Seitenbelüftung. Die Fenster sind feststehend und im Oberteil mit Luftklappen versehen. Alle Seitenfenster haben Zugvorrichtungen gegen Sonneneinstrahlung. Die Wagen kosten 500 000 Mark und sind von der Düsseldorfer Waggonfabrik in Sonderherstellung gebaut; die elektrische Ausrüstung führte die Firma Theodor Kiepe, Düsseldorf-Reisholz, aus. Die Konstruktions- und Bauzeit betrug 1 ½ Jahre.
Wenn die beiden neuen Züge in den nächsten Tagen versuchsweise fahren, werden 9 Triebwagen und 15 Beiwagen auf der Herforder Kleinbahnstrecke verkehren. Trotzdem ist der Dampfzug von Enger nach Spenge noch so lange notwendig, bis noch drei Einheiten der neuen Wagen rollen; aber dafür ist noch kein Geld da.


Wiedergabe des Artikels aus der "Freien Presse"
mit freundlicher Genehmigung der Zeitung NEUE WESTFÄLISCHE


Zurück zu: Herforder Kleinbahnen: Zeitungsberichte

© Copyright 2010 - 2020 by schmalspur-ostwestfalen.de