Freie Presse vom 20. April 1966



Nach 60 Jahren Abschied von der Herforder Kleinbahn

Etliche Wagen werden auf Sylt und durch Stuttgart weiterrollen

Freitag abend letzte Fahrt Spenge - Herford / Attraktion auf Kinderspielplätzen

Auf Kinderspielplätzen in den Kreisen Herford und Lemgo, als Anhänger der Inselbahn auf Sylt und höchstwahrscheinlich auch als Schienengefährte in der schwäbischen Metropole Stuttgart wird man die letzten Wagen der Herforder Kleinbahn antreffen, die kommenden Freitagabend mit einer von Spenge Siedlung (ab 19.02) nach Herford Kleinbahnhof (an 19.58 Uhr) nach 66 Jahren treuen Dienstes endgültig ihren Verkehr einstellt. Darüber hinaus werden 14 000 bis 15 000 Schwellen der Reststrecke Herford - Spenge demnächst auf Sylt verlegt, weitere 5000 zwischen den Gleissträngen der Steinhuder-Meer-Bahn. Alles andere Zubehör auf der Strecke - etwa: Gleise, Oberleitung, Weichen und dergleichen - ist auf Abbruch verkauft. Wobei zu erwähnen ist, daß der Abbruch bereits am nächsten Montag beginnt.

Wie die FREIE PRESSE während eines Gesprächs mit dem Betriebsleiter der Herforder Kleinbahnen GmbH, Oberingenieur Friedrich Kammeyer, weiter erfuhr, wirft die schon wiederholt angekündigte Einstellung des Kleinbahnverkehrs keinerlei Probleme personeller Art auf. Einige Bedienstete werden in Pension gehen, die übrigen sind in einem schon vor Jahren begonnenen Umstellungsprozeß eingereiht, der mit der Übernahme ins Arbeitsverhältnis bei der „Kleinbahn-Mutter", dem EMR endet.
Wenn alles wie angebahnt weiter verläuft, dürfen die Anfang der 50er Jahre angeschafften vier Großraumwagen, die zuletzt nur noch auf dem 16-Kilometer-Abschnitt Herford - Spenge verkehrten, in absehbarer Zeit durch Stuttgart gondeln. Bis dahin müßten sie allerdings noch mit stärkeren Motoren versehen werden , um enorme Steigungen innerhalb der Schwabenmetropole, etwa dem bekannten Killesberg, bewältigen zu können. Auch in schalttechnischer Hinsicht wäre etliches zu verändern.

Für´s Bähnle Hörnum-List

Erst gestern wurden auf dem Herforder Güterbahnhof die beiden letzten von insgesamt zehn Kleinbahnwagen verladen, die künftig auf der Nordseeinsel Sylt in den Dienst eines dieselbetriebenen „Bähnle" zwischen Hörnum und List (40 km) treten werden.

Bleiben noch die eingangs erwähnten Triebwagen aus den 30er Jahren, die auf Kinderspielplätzen ihren Lebensabend beschließen. In Lemgo und Schweicheln-Bermbeck sind sie bereits aufgestellt; Gohfeld und Kirchlengern erwarten die gelb-roten Gefährten im Laufe der nächsten Tage. Zu verkaufen ist, wie die FREIE PRESSE von Oberingenieur Kammeyer erfuhr, nur noch ein einziger dieser Wagen.

Zwar ohne Achse und Fahrgestell, aber noch mit allen Sitzen, mit Kurbel. Klingel und dem übrigen Drum und Dran einer zünftigen „Bimmelbahn", dürften die Veteranen Jungen und Mädchen ein Stückchen ausklingender Romantik bescheren. Bleibt nur zu hoffen, daß sie nicht - wie man´s dieser Tage von Lemgo hörte - zu einem Tummelplatz störungsbesessener Halbstarker werden.

Zwischen 100 und 200 DM mußten die erwähnten Gemeinden für die wagen beim EMR auf den Tisch blättern. Wesentlich teurer kam - oder kommt - sie allerdings der Abtransport auf Spezialtiefladern. Im Fall Lemgo waren es rund tausend Mark.

Was mit dem Kleinbahngleiskörper Spenge - Herford, der durchweg im Eigentum des EMR steht, geschieht, ist zur Stunde noch ungewiß. Anlieger wie Kommunen haben bereits Interesse an dem Gelände bekundet. Den Gemeinden schwebt dabei auch die Umwandlung dieser Trasse in Wander- und Radfahrwege vor.

Ohne besonderes Zeremoniell, wie zu einer Fahrt an jedem beliebigen anderen Tage, wird die letzte Kleinbahn am Freitag von Spenge nach Herford verkehren. Genau laut Fahrplan, der am Sonntag, 24. April, umgestellt worden wäre. Wie jemand, der still und ohne großes Aufsehen dahinscheidet.

Damit schließt eine schrittweise Reduzierung des Kleinbahnverkehr ab, die bereits 1962 mit der Stillegung der ersten Teilstrecke Herford - Bad Salzuflen - Vlotho begonnen hatte. 1963 trat der Abschnitt Spenge - Wallenbrück hinzu. Über die zum Teil sehr heftigen Diskussionen, die diese Maßnahmen auslösten, hatte die FREIE PRESSE wiederholt ausführlich berichtet. Sie datieren, was die Strecke Herford - Spenge angeht, bis in die jüngste Zeit.

Die Herforder Kleinbahnen GmbH hatten ihren Betrieb am 10. August 1900 aufgenommen. Auf einem rund 40 Kilometer langen Schienenweg von Wallenbrück bis Vlotho buchte die Bahnvor allem in den 20er und 30er Jahren einen wesentlichen Anteil an der wirtschaftlichen Erschließung des benachbarten lippischen Raumes.

Nach dem Start mit heute altertümlich anmutenden Dampfzügen war die Route um 1930 elektrifiziert worden.

Während der kommenden Wochen und Monate dürfte so mancher zwischen Spenge und der Werrestadt ein vertrautes Bild zunächst einmal vermissen.


Wiedergabe des Artikels aus der "Freien Presse"
mit freundlicher Genehmigung der Zeitung NEUE WESTFÄLISCHE


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