Freie Presse vom 4. Dezember 1962



Gegenzug vergessen

Drei Monate Gefängnis für Zugführer

Ein Fahrer kam ums Leben / Nur an Verspätung gedacht?

Bad Salzuflen. Einen Toten, rund zwanzig (vorwiegend leicht) Verletzte und Sachschaden in Höhe von etwa 35 000 DM gab es am 30. Juli bei einem Zusammenstoß zweier Triebwagen der elektrischen Kleinbahn zwischen der Haltestelle „Loose" und Bad Salzuflen. Mit diesem Unfall hatte sich jetzt das Schöffengericht Lemgo zu befassen. Wegen fahrlässiger Töting angeklagt war der 57-jährige Schaffner Wilhelm R. aus Ennigloh, der zugleich verantwortlicher Zugführer war, als das Unglück geschah. Mit vier Minuten Verspätung war man an der „Loose" angekommen. Hier hatte man, wie immer, den Gegenzug auf der eingleisigen Strecke abzuwarten. Warum es nicht geschah, weiß auch der Zugführer nicht. Die einzige Erklärung könne sein, daß er nur noch an das Aufholen der Verspätung gedacht habe.

Es war gegen 18.30 Uhr, als der Schaffner des Anhängers dem verantwortlichen Triebwagenschaffner das Fertigzeichen gab. Und der gab dem Fahrer das Signal zur Weiterfahrt. Auch der Fahrer dachte nicht an den Gegenzug. 300 Meter weiter ungefähr sah er ihn aus einer Kurve herannahen. Beide Fahrer versuchten, ihre Züge noch im letzten Moment zum Halten zu bringen. Vergeblich: trotz herabgesetzter Geschwindigkeit war der Zusammenprall so heftig, daß das Führerhaus des von der Loose kommenden Zuges eingedrückt, der Fahrer, der 63-jährige Heinrich B. aus Diebrock, eingeklemmt und so schwer verletzt wurde, daß er am 6. August im Krankenhaus verstarb.
Ins Krankenhaus mußten außer zwei weiteren verletzten auch der Fahrer des Gegenzuges, der neben Prellungen einen Schock erlitt. Unglücklicherweise hatte auch der Gegenzug einige Minuten Verspätung gehabt.
Das Urteil gegen den bisher unbestraften und gut beleumundeten Wilhelm R. lautete auf drei Monate Gefängnis. Die Verbüßung konnte aber, bei Zahlung einer Buße von 400 DM an den Lippischen Blindenverein, zur Bewährung ausgesetzt werden.

(Im Artikel wurden die Namen der Beteiligten vertauscht - hier werden sie korrigiert und anonymisiert wiedergegeben.)


Anmerkung: Einer der beteiligten Triebwagen war Triebwagen 7, der nach Einbau eines Reserve-Fahrschalters wieder in Betrieb genommen werden konnte. Das andere Unfallfahrzeug ist bisher unbekannt


Wiedergabe des Artikels aus der "Freien Presse"
mit freundlicher Genehmigung der Zeitung NEUE WESTFÄLISCHE


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