Freie Presse vom 31. März 1951



Mit dem Dampfroß in das Ravensberger Land

Die Kleinbahn ist ein Teil des heimischen Landschaftsbildes geworden - Sie erfüllt noch immer ihre Dienste

Ist sie nicht allen Bielefeldern ans Herz gewachsen, die gute alte Kreisbahn, die seit einem halben Jahrhundert jetzt mit Zischen und Fauchen durch die Gegend dampft und so manchen Bielefelder Bürger ins schöne Ravensberger Land beförderte? Ihr 50jähriges Jubiläum feiert sie heute. Vor uns liegt eine vergilbte Zeitung, darinnen neben Meldungen von „der Pest in Kapstadt" oder „dem Streik in Marseille" auch von der Eröffnungsfahrt der neuen Kreisbahn berichtet wird. Würdige Herren nahmen an ihr teil, voran der Königlich Preußische Landrat v. Ditfurth, der Erbauer und nunmehrige Direktor des Kleinbahn-Unternehmens, Frydrychowicz, die Amtmänner von Brackwede, Heepen und Dornberg, sowie Mitglieder des Kreistages, die nun das jüngste Kind ihres Unternehmungsgeistes bewundern konnten.

Am Schienenstrang standen scharenweise die Anwohner, die schon beim Bau der Bahn mitgeholfen und ein nettes Stück bares Geld dabei verdient hatten. Sie bleiben allerdings nicht nur neben der Strecke stehen. Als nach der Probefahrt der Betrieb aufgenommen wurde, benutzten sie in immer stärkeren Maße die neue Bahn und schon im ersten Jahr konnten 414 207 Personen und 9482 Tonnen Güter verbucht werden.

Für manche Leute fiel allerdings ein Wermutstropfen in den Freudenbecher, denn zugleich zugleich mit dem Eröffnungsbericht der Kleinbahn stand eine Notiz in der vergilbten Zeitung, daß „am heutigen Tage der Jöllenbecker Omnibus, mit vier Pferden bespannt, die Kutscher beritten, seine letzte Fahrt auf der Strecke machte", die er unumstritten 26 Jahre innehatte. Aber die „Karriolpost" ins Lippische fuhr weiter.

Die Kreisbahn trat mit vier Tenderlokomotiven, 10 Personenwagen, drei Pack- und 24 Güterwagen ins Leben, die Streckenlänge bis Enger betrug 15 km, bis Werther 10 km, wozu noch Bahnhofs- und Nebengleise mit 2,5 km kamen. Im Jahre 1902 wurde der Bau der Strecke Bielefeld - Heepen - Eckendorf beschlossen. Daß sie 1922 endgültig stillgelegt werden mußte, lag vornehmlich daran, daß die verantwortlichen Stellen in Lippe ihre Zusagen, die Strecke von Eckendorf nach Salzuflen weiterzubauen, nicht einhielten. Dadurch kam der angestrebte Ringverkehr nicht zustande.

Interessant ist es, die Schwankungen der Beförderungszahlen der Kreisbahn im Verlauf der 50 Jahre zu verfolgen: Von 414 207 benutzern 1901 stieg die Frequenz auf 602 751 Personen und rund 84 000 Tonnen im Jahre 1912.
Trotz Konkurrenz durch Personenwagen und Autobusse beförderte die Kleinbahn 1950 noch 1 026 871 Personen und 238 167 Tonnen Güter, ihr weißer Atem pufft noch kräftig die Theesener Höhe hinauf. Es sind böse Zungen, die behaupten, daß die fünf Lokomotiven u.a. folgende Namen trügen: Martin Luther (Hier stehe ich, ich kann nicht anders) oder Graf Isolani (Spät kommt ihr, doch ihr kommt) oder Kopernikus (Und sie bewegt sich doch!). Nein, sie ist noch sehr lebenskräftig, unsere Kreisbahn. Sie hatte im Krieg schwere Schäden hinnehmen müssen, so als am 30. September 1944 das Stationsgebäude Herforder Straße total zerstört wurde, wobei 42 Personen getötet und viele schwer verletzt wurden. Sogar ein Tieffliegerangriff erfolgte auf das Bähnle bei Pödinghausen, wobei von den von der Arbeit heimkehrenden Fahrgästen 22 getötet und viele schwer verwundet wurden.

Ganz zum Erliegen kam die Bahn nach dem Zusammenbruch; duch die Initiative des Gouverneurs konnte sie allerdings, als erste Bahn im besetzten gebiet, am 10. Mai 1945 wieder anfahren. Und so fährt sie heute noch auf insgesamt 40 km Schienen, begleitet von unseren Glückwünsche, durch das schöne Ravensberger Ländle. Wenn die Obstbäume blühen, dann offenbart die Kleinbahn (... unvollständig).



Wiedergabe des Artikels aus der "Freien Presse"
mit freundlicher Genehmigung der Zeitung NEUE WESTFÄLISCHE


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