Westfalen-Blatt vom 31. März 1951



Seit 50 Jahren Bielefelder Kreisbahn

Am 1. April 1901 war die feierliche Eröffnungsfahrt

Am 1. April bestehen die Bielefelder Kreisbahnen ein halbes Jahrhundert. Das Aufblühen der Industrie im Raume Bielefeld, das Zunehmen der Arbeitsplätze in der Stadt, die sich steigernden Absatzmöglichkeiten für landwirtschaftliche Erzeugnisse und die Bildung gewerblicher Betriebe auf dem Lande machten vor 50 Jahren die Schaffung einer Bahnverbindung zwischen Stadt und Land im Interesse der Landbevölkerung dringend erforderlich. Der damalige Landrat Franz von Dithfurth führte erstmals mit Vertretern der Kreise Halle und Melle Besprechungen über den Bau eines Schienenweges zwischen Bielefeld und den beiden Kreisen. Die Verhandlungen schlugen jedoch fehl, weil über Spurweite und Linienführung der Bahn keine Einigung erzielt werden konnte.

1898: Schwierigkeiten noch und noch

Im November 1897 wurde vom Bielefelder Kreistag der Bau einer Bahn mit 60 Zentimeter Spurweite von Bielefeld über Schildesche, Jöllenbeck nach Enger und über Schildesche nach Werther beschlossen. Schon im März des nachfolgenden Jahres erteilte der Regierungspräsident die beantragte Konzession für die Dauer von 90 Jahren. Bevor jedoch der erste Spatenstich getan werden konnte, war eine Unmenge Schwierigkeiten zu überwinden. Die Minden-Ravensberger hingen zu zäh an ihrer Scholle, um auf Anhieb einen Fußbreit Boden abzutreten. Hier ein Auszug aus einer der damaligen Verfahrensakten: „ ... wir würden gezwungen sein, wenn einer wagen sollte, in unser Eigentum einzugreifen, unsererseits Gewalt anzuwenden, denn als staats- und königstreue Bauern halten wir uns verpflichtet, unser Eigentum mit unserem Leben zu schützen ... ". So hieß es in einer Eingabe an den Regierungspräsidenten. Zum anderen hatte der Kreis Herford zur gleichen zeit mit dem Bau der Bahn Vlotho - Wallenbrück bei einer Spurweite von einem Meter begonnen, die in Enger mit der 60-Zentimeter-Spur der Bielefelder Bahn zusammen münden sollte. Nach langwierigen Verhandlungen wurden die Schwierigkeiten überwunden. Die Grundstückseigentümer ließen sich bekehren; die Kreise einigten sich auf eine Spurweite von einem Meter und schlossen für beide Bahnen ein Abkommen über eine gemeinschaftliche Betriebsführung.

1901: Eröffnungsfahrt mit Jubel

Am 1. April 1901 war die feierliche Eröffnungsfahrt. Die Bevölkerung der Ortschaften, die durch die Bahn erschlossen wurden, flankierte den Schienenstrang und begrüßten freudig die schnaubende Lokomotive. Schon im ersten Betriebsjahr wurden allein 414 207 Personen und 9482 Tonnen Güter befördert. Im gegenseitigen Güteraustausch zwischen Stadt und Land brachte die Bahn wesentliche Vorteile mit sich und führte zum sichtbaren Aufschwung von Handel und Wandel in den berührten Orten. Für den Arbeiterberufsverkehr, für die in Bielefeld lernenden Schüler des Landkreises und für die Beteiligung der Landbevölkerung am kulturellen und wirtschaftlichen Leben der Stadt erwies sich die Bahn als vorteilhaft.
Bei der Eröffnung der Kleinbahn maß der Schienenweg insgesamt 28,593 Kilometer, an Betriebsmitteln waren vier Lokomotiven, zehn Personenwagen, drei Packwagen und 24 Güterwagen vorhanden. In den folgenden Jahren wurden die ersten Privatgleisanschlüsse , ein Lokschuppen in Enger und ein massives Stationsgebäude an der Herforder Straße gebaut. Im Mai 1909 nahm man die neue Strecke Bielefeld - Heepen - Eckendorf in Betrieb, die jedoch im Jahre 1922 als unrentabel stillgelegt werden mußte. 1913 wurde durch Vertrag mit der Stadt die Uebernahme der normalspurigen Industriegleisanlage am Bielefelder Kreisbahnhof geregelt. Der Güterverkehr wuchs und erreichte im gleichen Jahr die Höhe von 83 968 Tonnen.
1932: das schlechteste Jahr

Die Inflationsjahre mit der schwierigen Materialbeschaffung und den nachhinkenden Tarifen wirkten sich für die Erneuerung und Unterhaltung der Bahnanlage sehr nachteilig aus. Erst 1923 konnte der Umbau des Jöllenbecker Bahnhofs durchgeführt werden. Zur industriellen Erschließung des Sudbrackviertels wurde eine Güteranschlußbahn gebaut und 1926 eröffnet. Nunmehr bestanden sieben meterspurige und 13 normalspurige Privatgleisanschlüsse. Die folgenden Jahre mit ihren wirtschaftlichen Schwankungen beeinflußten den Personenverkehr so stark, daß 1932 die geringste Anzahl seit Bestehen der Bahn, nämlich nur 221 387 Personen befördert wurden. Das Jahr 1934 brachte eine Änderung in der gemeinsamen Betriebsführung, die in Herford bestand. Nach einem Auseinandersetzungsvertrag gingen die Werkstattanlagen und der Lokomotivschuppen in Enger in das Eigentum der Bielefelder Kreisbahnen über. Im Oktober wurde eine eigene Betriebsdirektion in Bielefeld eingerichtet. Ein Betriebsvertrag regelt heute die Verkehrs- und Betriebsangelegenheiten auf dem Bahnhof Enger und die Unterhaltungsarbeiten und amtlichen Untersuchungen der Lokomotiven und Wagen der Herforder Kleinbahnen in der Werkstatt Enger, die mit modernen Vorrichtungen ausgestattet ist.

1945-48: vollgepropfte Hamsterzüge

In den Kriegs- und Nachkriegsjahren bis zur Währungsreform vollbrachten die Bielefelder Kreisbahnen unter schwersten Bedingungen große Leistungen. Die Beförderungsziffern stiegen auf 1 881 258 Personen und 225 178 Tonnen Güter. Es war die zeit der Hamsterfahrten, als der städtische Normalverbraucher rucksackbepackt aufs Land fuhr, um für eine Auffrischung seiner karg bemessenen Kost zu sorgen. In den Kriegsjahren wurde die Bahn durch Bombenangriffe schwer getroffen. Bei den 39 Luftangriffen auf Bielefeld wurde die Kleinbahn 14mal in Mitleidenschaft gezogen. Am 30. September 1944 wurde das Stationsgebäude an der Herforder Straße total zerstört. Dabei wurden 42 Personen getötet und viele schwer verwundet. Bei einem Tieffliegerangriff am 16. Februar 1945 auf einen vollbesetzten Personenzug im Streckenabschnitt Enger - Pödinghausen mußten 22 Fahrgäste das Leben lassen. es ist dem vorbildlichen Einsatz der Belegschaft zu danken, daß der Betrieb überhaupt durchgeführt werden konnte und die Zerstörungen schnellstens beseitigt wurden. Infolge der Kriegsereignisse mußte der betrieb vom 1. April bis zum 10. Mai 1945 stillgelegt werden. Dann konnte der Verkehr vorläufig nur an Werktagen mit je drei Zugpaaren auf beiden Strecken durchgeführt werden. Trotzdem wurde im Personenverkehr die Zweimillionengrenze erreicht.
Nach der Währungsreform gingen der Bahn sämtliche Rücklagen für die Erneuerung und Erhaltung der Bahnanlagen und Betriebsmittel verloren. Die Betriebseinnahmen durch den Personenverkehr sind durch die parallel zur Schiene eingerichteten Omnibuslinien stark gesunken. Die Bielefelder Kreisbahnen stehen heute vor der fast unlösbaren Aufgabe, aus den verminderten Einnahmen nicht nur die erhöhten Aufwendungen zur Betriebsdurchführung decken zu müssen, sondern auch den Erneuerungsbedarf aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren nachzuholen.
Um den Personenverkehr zu beleben und damit die Einnahmen zu steigern, sind Bestrebungen im Gange, eigene Omnibusverbindungen zu schaffen und den Betrieb zu modernisieren. Kreisausschuss und Kreistag werden diese Entscheidung treffen, wenn die Vorausssetzungen dafür geschaffen sind. Die Bielefelder Kreisbahnen wollen alles daran setzen, die Trägerin des Verkehrs zwischen Stadt- und Landkreis zu bleiben. Dieser Wunsch gilt nicht zuletzt für die 100köpfige Belegschaft, die teilweise schon beim Bau der Bahn mitwirkte und im Fortbestehen der Bahn eine Lebensaufgabe sieht.



Wiedergabe des Artikels mit freundlicher Genehmigung der Zeitung WESTFALEN-BLATT


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