Freie Presse vom 20. Mai 1952



Kleinbahn und Straßenbahn sollten Ehe eingehen

So könnte sich die Modernisierung der Kleinbahn gestalten

Vorschlag der „FP" / Lösung der gemeinsamen Aufgaben von Stadt und Landkreis möglich

Zwei Punkte der letzten Kreistagssitzung waren besonders bemerkenswert: Erstens der Plan, nun endlich die Kreisbahn" erheblich zu modernisieren", zweitens die Bereitschaft der Kreisvertretung, sich an einem Ausschuß zu beteiligen, der die gemeinsamen Aufgaben von Stadt- und Landkreis beraten soll. Eine der gemeinsamen Aufgaben ist zweifellos der An- und Abtransport der vielen tausend Werktätigen, die im Landkreis wohnen und in der Stadt ihre Arbeitsplätze haben. Da beide Linien der Kreisbahn diesem Transport weitgehend dienen, ist der Zusammenhang mit der Frage der Frage ihrer Modernisierung ohne weiteres gegeben. Deswegen sollte dieser gemeinsame Ausschuß von Stadt und Landkreis bei der Beratung der Modernisierungspläne eingeschaltet werden. Wir stellen im folgenden einen Vorschlag unseres K.-H. - Mitarbeiters zur Debatte, der sich seit geraumer Zeit mit der Lösung des Problems beschäftigte.

Die Sorgen der Kleinbahn sind bekannt. Die „Freie Presse" hat ihnen des öfteren Raum gegeben. Deswegen soll hier heute eine Möglichkeit aufgezeigt werden, wie im Zusammenwirken zwischen Stadt und Landkreis sich diese Fragen sehr wohl lösen lassen.

Die guten alten Dampfzüge der Kleinbahn können wohl mit einem Male viele hundert Menschen befördern, (dürfen?) aber infolge des teuren Dampfbetriebes nur wenige Male am Tag verkehren, wenn genügend Fahrgäste (Berufsverkehr) zu befördern sind. Fahrten für eine geringe Anzahl Fahrgäste sind Zuschußfahrten und gefährden die Wirtschaftlichkeit des gesamten Betriebes. Diese Erkenntnis gab so auch den Anstoß zu den Modernisierungsplänen.
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Als im Vorjahre die städtische Buslinie Schildesche - Lange Straße - Bültmannskrug - Schildesche geplant war, (klagte?) die Kreisbahn gegen die Teilstrecke Bültmannskrug - Schildesche erfolgreich, so daß der Stadtbus nicht mal bis zum Bültmannskrug fahren kann. Wenn nun erst die dringend nötige Verlängerung der Straßenbahn von der langen Straße bis zum Bültmannskrug durchgeführt werden sollte, so wird sich der „Omnibuskrieg" dann als „Straßenbahnkrieg" sicherlich wiederholen.

Um die Fahrzeit zu verkürzen und um den jetzigen Umweg über Schildesche zu vermeiden, werden die Fahrgäste aus der Richtung Werther die Kleinbahn nur noch bis zum Bültmannskrug benutzen und dann mit der Straßenbahn weiterfahren. Darüber würden sich aber beide nicht freuen, weder Kleinbahn noch Straßenbahn. Das bedeutet leere Züge der Kleinbahn ab Bültmannskrug und überfüllte städtische Wagen. Damit ist aber beiden nicht geholfen.. Der Kleinbahn nicht, wenn sie leer fährt, den Stadtwerken nicht, wenn sie Einsatzwagen zu jedem Kleinbahnzug fahren müssen. Denn der Andrang ist ja nur immer in einer Richtung, stadtwärts bei der Ankunft der Kleinbahn, entgegengesetzt bei ihrer Abfahrt. Jeder Einsatzwagen hätte also eine Leerfahrt zu machen oder aber lange Wartezeiten am Bültmannskrug, von einem Kleinbahnzug zum anderen. Beides ist unwirtschaftlich.
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Aber auch hier ist der Ausweg gegeben in der geplanten Zusammenarbeit zwischen Stadt und Landkreis. Die Stadt hat ja kürzlich die Betriebe der Stadtwerke in eine Gesellschaft umgewandelt.
Wenn nun aber Stadt und Landkreis die neue Gesellschaft Stadtwerke gemeinsam betreiben würden, die Stadt in diese „Ehe" die städtischen Verkehrsbetriebe, der Landkreis die Kleinbahn einbrächten? Das würde statt unliebsamer Konkurrenz die Lösung dieser Probleme ermöglichen.

Von der langen Straße bis zum Bültmannskrug sind bei der Verlängerung der Straßenbahn zwei Kilometer Gleise zu legen. Sie könnten um den Bültmannskrug mit einer Kurve in das Kleinbahngleis nach Werther einmünden. Ein neues Stück Geleise (einspurig) von 1,2 km Länge zwischen Bültmannskrug und Kahler Krug würde die Verbindung mit dem Kleinbahngeleise nach Enger herstellen. Beide Linien werden mit Oberleitungen versehen (Kosten pro km nicht größer als die Anlage der Oberleitung für den Obus nach Heepen). Allerdings müssen auf beiden Strecken die Schienenstöße eine stromrückführende Verbindung erhalten, die Kosten hierfür werden aber dadurch ausgeglichen, daß die Obusleitung vierdrätig zu verlegen war und Masten auf beiden Straßenseiten erforderte, während die Oberleitung für die Kleinbahn ein- bzw. doppeldrähtig (für die Weichen auf den bisherigen Bahnhöfen) sein kann und auch nur Masten auf einer Seite benötigt.
Dann kann der Verkehr von und nach Werther und Enger mittels Straßenbahnwagen erfolgen, zu Zeiten des Berufsverkehrs dichter, zu den anderen Zeiten in gelockerter Folge. Ab Bültmannskrug benutzen die Wagen die Straßenbahngleise der Jöllenbecker Straße und enden am Güterbahnhof auf der Rückseite des Hauptbahnhofes. Die Rückfahrt könnte durch eine etwa 600 m lange einspurige Schleife am Kamphof / Kochstraße erfolgen, wobei die spitzwinklige Einmündung der Kochstraße die Rückkehr in die Jöllenbecker Straße weitgehend berücksichtigt.
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Das stadteinwärts führende Straßenbahngeleise sollte aus der unteren Jöllenbecker Straße herausgenommen werden, es ist dort bei Nässe und Glätte ein Gefahrenpunkt erster Ordnung. Es sollte mit durch die Neuenkirchener Straße gelegt werden. Diese bliebe dann nur der Straßenbahn und die untere Jöllenbecker Straße dem Kraftwagenverkehr vorbehalten. Die Wagen der jetzigen Straßenbahnlinie 2 würden in beiden Richtungen auf der Rückseite des Hauptbahnhofes am Güterbahnhof halten. Die Bundesbahn wird dann sicher den schon lange nötigten zweiten Ausgang nach der Rückseite schaffen. zu führen


Von Konkurrenz zu fruchtbarer Einheit

Wahrscheinlich ist es ratsam, für den Güterverkehr der Kleinbahn und den Waggontransport für die Bundesbahn das Gütergeleise zwischen Kleinbahnhof und Kahler Krug bzw. Bültmannskrug auch mit Oberleitung zu versehen und die „Jubiläumswagen" der Straßenbahn als Elektroloks einzusetzen. Sofern es nötig ist, könnten auch im Personenverkehr von und nach Enger und Werther einige Wagen nach oder über Schildesche verkehren. Die Linie 1 könnte auch zwischen Johannesstift und Schildesche zweigleisig fahren und der Güterverkehr würde bis zur Abzweigung ins freie Feld zweispurig die Straßenbahngeleise benutzen.

Die neue Linie 11 könnte am Kleinbahnhof herforder Str. in das Kleinbahngleis einkurven und bis zum Lokschuppen Eckendorfer Str., Ecke Stadtholz fahren. Noch besser wäre es allerdings, mit etwa 100 m einspurigem Geleise vom Lokschuppen durch die Hallenstraße eine Schleife zu bilden.
Das verkehrsbehindernde Umsetzen der Wagen der Linie 11 auf der Herforder Straße würde vermieden. Die Fahrgäste der Betriebe am Stadtholz (Anker-Werke II, Westfalenfleiß usw.) würden näher an ihre Arbeitsstellen herangebracht, während die Fahrgäste der Betriebe Seidensticker, Bundesbahnwerkstätten usw. wie jetzt auch den Vorteil der Linie 11 hätten.
Es wäre zu erwarten, daß sich durch die hier vorgeschlagenen Lösungen der angeschnittenen Probleme der Zuschußbetrieb Kleinbahn in einen Überschußbetrieb verwandeln würde. Durch die hier vorgeschlagene „Ehe" wird kein Kleinbahner seine Arbeit verlieren, durch die dichtere Zugfolge wird eher ein Mehrbedarf an Personal eintreten. Die sich anbahnende Konkurrenz zwischen Kleinbahnen und städtischen Verkehrsmitteln wird in eine fruchtbare Einheit verwandelt werden. Den Nutzen davon werden alle haben, Landkreis sowohl wie Stadt, und nicht zuletzt die Fahrgäste.

Wiedergabe des Artikels aus der "Freien Presse"
mit freundlicher Genehmigung der Zeitung NEUE WESTFÄLISCHE


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