Westfälische Zeitung vom 7. September 1949



Liliputbahn wird ganz groß

Sieben Lokomotiven, aber nur 14 Wagen - Moderner Triebwagenverkehr geplant

Pfeifend und keuchend zieht die kleine Lokomotive die bunten Liliputwagen der Kleinbahn Bielefeld - Werther den Berg hinan. Mit einem Getöse, hinter dem man eine 150-Tonnen-Lokomotive vermuten könnte, biegt der Zug um die letzte Kurve und fährt in den Bahnhof ein. Ein Fremder, der zum ersten Male mit dem „Bähnle" kommt, mag darüber lächeln; aber die Bevölkerung weiß, was sie ihrem „Otto" - so heißt die Kleinbahn im Volksmund - schuldig ist. Verdankt sie ihm doch zu einem wesentlichen Teil den wirtschaftlichen Aufschwung ihrer Orte und den guten Kontakt mit dem benachbarten Bielefeld. Die Bielefelder aber fahren immer wieder gern hinaus aufs Land.
Als sich der Landkreis Bielefeld gegen Ende des vorigen Jahrhunderts entschloß, in eigener Regie eine Bahn von Bielefeld nach Werther zu bauen, ahnte man noch nicht, daß sie einmal so starken Zuspruch finden würde. Denn sonst hätten man sich damals wohl entschlossen, statt der ein Meter breiten Schmalspur eine normalspurige Bahn anzulegen. Die Bielefelder Kreisbahnen, die bis heute noch der Verwaltung des Landkreises unterstellt sind, haben im Verhältnis zu ihrer geringen Größe eine erstaunliche Leistungsfähigkeit. Während im Jahr 1939 auf der Strecke nach Werther nur etwa 180 000 Fahrkarten ausgegeben wurden, verzeichnet die Bilanz im DM-Abschnitt allein bis zum März dieses Jahres 400 000 Fahrgäste nach Werther.
Noch beachtlicher als die Personenbeförderung ist das Güteraufkommen mit durchschnittlich 20 000 Tonnen im Monat. Auf der Werther Strecke werden täglich rund 100 Tonnen verladen, allerdings nur zum Teil in Schmalspurwagen. Meist setzt man die Güterwagen der Reichsbahn auf sogenannte „Rollböcke" und vermeidet dadurch das Umladen. Sowohl im Güter- als auch im Personenverkehr halten die Bielefelder Kreisbahnen an den niedrigen Tarifen von 1927 fest.
Auf den insgesamt 28 km langen Strecken der Kreisbahnen nach Werther und Enger verkehren sieben Lokomotiven und 14 Personenwagen. Dieser Wagenpark hat sich jedoch in den letzten Jahren als nicht ausreichend erwiesen. Die Bahnverwaltung plant daher, in Kürze drei oder vier weitere Personenwagen anzuschaffen. Insgesamt 128 Angestellte der Kleinbahn sorgen auf den Strecken von Bielefeld nach Werther oder Enger für den reibungslosen Ablauf des Betriebes. Erfreulich ist die Tatsache, daß in den fast 50 Jahren des Bestehens der Bahn keine Menschen durch Unfall ums Leben kamen.
Die Bielefelder Kreisbahnen haben große Pläne. Der Einsatz von Triebwagen oder Schienenomnibussen ist für die nächste Zeit vorgesehen. Der Personenverkehr soll zum Teil durch eigene Straßenomnibusse abgewickelt werden. Die Strecken der Bielefelder Kreisbahnen befinden sich durchweg in einem guten, verkehrssicheren Zustand, zumal alle notwendigen Reparaturen in eigenen Werkstätten in Enger durchgeführt werden.



Wiedergabe des Artikels aus der "Westfälischen Zeitung"
mit freundlicher Genehmigung der Zeitung NEUE WESTFÄLISCHE


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