Stadtwerke Bielefeld: Verbleib der Wagen 806 und 809 in Würzburg


Anfang der 80er Jahre wurden die Bielefelder Wagen 806 und 809 nach Würzburg abgegeben. Beide Wagen kamen dort nicht in den Personenbetrieb und endeten als wenig beachtete Arbeitsfahrzeuge. Im Oktober 2010 habe ich in Würzburg nach den beiden Wagen gesucht - und bin fündig geworden.

Der Fahrzeugkauf in Bielefeld

Ausgangspunkt der Übernahme war die Lage der Würzburger Straßenbahn Anfang der 80er Jahre. Zu diesem Zeitpunkt wurde von der Straßenbahn mit Fahrgastzuwächsen gerechnet, allerdings war über die Zukunft des Betriebes noch nicht entschieden. Die Ausbaupläne nach Heuchelhof / Rottenbauer und die Neubeschaffungen von Fahrzeugen waren in Planung - aber noch nicht fest beschlossen.

Planungen der WSB aus diesen Jahren stellen den Bedarf für den normalen Tagesauslauf, die Zusatzwagen für die Verkehrsspitzen und die notwendigen Reservefahrzeuge zusammen und kommen zu dem Schluss, dass eine Lücke von etwa 4 Fahrzeugen besteht. Da die „großen" Ausbaupläne noch nicht beschlossen waren, entschied man sich für die „kleine" Lösung: Von den Stadtwerken Bielefeld sollten die Wagen 806-809 übernommen werden, sobald. Diese in Bielefeld nach Auslieferung von Stadtbahnwagen entbehrlich wurden. Als erste Fahrzeuge wurden Wagen 806 (am 28.12.1983) und 809 (am 3.1.1984) vom Transportunternehmen Max Goll auf der Straße nach Würzburg gebracht. Dort begannen im Frühjahr die Planungen für die Anpassungen der Fahrzeuge für die Würzburger Streckenverhältnisse, es waren die Fahrzeugnummern 251 und 252 vorgesehen.

Im Laufe des Jahres 1985 zeichnete sich ab, dass in Würzburg die „große" Lösung kommen wird: Die Zuschüsse für Neubaufahrzeuge und den Streckenausbau in das Neubaugebiet Heuchelhof/Rottenbauer wurden bewilligt. Folgerichtig stornierte die WSB am 21.11.1985 in Bielefeld den Kauf der Wagen 807 und 808, beide Wagen verblieben in Bielefeld - aus Teilen der Fahrzeuge entstanden in Bielefeld der Partywagen "500" und der Schienenschleifwagen "510".

Mit der „großen" Lösung wurden in Würzburg die Planungen für eine Inbetriebnahme der Wagen 251 + 252 aufgegeben, die Wagen standen weiterhin in der Werkstatt Sanderau.

Mit der Neubaustrecke wurde die Anschaffung eines Fahrzeuges für die Gleispflege notwendig. Dazu sollte zunächst der Hagen stammende Wagen 272 umgebaut werden - bei der genaueren Durchplanung stellte sich heraus, dass der Bielefelder Wagen 251 für diesen Umbau besser geeignet war. So wurde ab dem 22.1.1988 in Zusammenarbeit mit der Firma Schörling (Hannover) ein Umbaukonzept entwickelt und bis 1990 umgesetzt.

Aus Wagen 809 wurden später noch Ersatzteile entnommen und das Mittelteil nach Innsbruck [A] abgegeben. Dort wurde es in IVB "53" eingebaut und kam auf diesem Umweg 2008 im neuen Museumsfahrzeug zurück nach Bielefeld. Aus den überzähligen Drehgestellen entstanden die Kabel-Transportlore “298” und Hilfsfahrzeuge zur Ermittlung von Profilbreiten (ohne Nummer, im Oktober 2010 im Betriebshof Heuchelhof vorhanden).

Der Umbau in den Schleifwagen "295"

Umbauten am Fahrzeug

Das Konzept sah den Rückbau des Fahrzeugs in einen 6-Achser vor. Das mittlere Drehgestell wurde nach Hannover transportiert und dort von Schörling mit der Schienenschleifeinrichtung ausgestattet. In Würzburg wurden an beiden Fahrzeugenden Führerstände eingebaut, dafür wurden - baugleich zu den anderen Würzburger Fahrzeugen - Fahrschalter mit Kurbel (Hersteller: Kiepe, Typ NF 561 H) eingebaut. Die typische „PCC"-Frontscheibe wurde durch eine beheizbare Scheibe getauscht. Dieser Umbau verhindert ein Vereisen der Frontscheibe im Winter - veränderte das äußere Erscheinungsbild des Wagens aber nachhaltig. Eine weitere sichtbare Veränderung war die Kürzung der Seitenbleche bis auf Höhe des Wagenbodens. Dadurch sind die Drehgestelle für Wartungsarbeiten leichter erreichbar - das Fahrzeug sieht nun optisch „höhergelegt" aus. Für den Betrieb auf der Steilstrecke nach Heuchelhof forderte die technische Aufsichtsbehörde den Einbau einer zweiten Bremse, die als stufenlose mechanische Feststellbremse (Hersteller: Knorr) ausgeführt wurde.

Technische Ausstattung des Fahrzeugs
  • Im mittigen antriebslosen Drehgestell ist die Schleifeinrichtung der Firma Schörling eingebaut.
  • Zusätzlich verfügt das Fahrzeug im ehemaligen Fahrgastraum über vier Wassertanks mit je 4000 Litern Fassungsvermögen, die ursprünglich zur Bewässerung der Rasengleise vorgesehen waren. In der Praxis werden die Tanks heute nur noch gefüllt, um das nötige Betriebsgewicht für die Schleifeinrichtung zu erhalten.
  • Weiter wurden Einrichtungen zur Weichenschmierung und Schienenflankenschmierung eingebaut.
  • Auf Plattform „A" wurde vorn ein Einholm-Stromabnehmer montiert, der in der Regel abgebügelt ist. Er wird nur im Winter angelegt, um die Oberleitung zu enteisen. Die eigentliche Stromaufnahme erfolgt mit dem Stromabnehmer, der auf Plattform „A" in Fahrzeugmitte montiert ist.
Betrieb:

Vom 10.7. - 20.11.1990 wurde das Fahrzeug vom TÜV Bayern ausgiebig geprüft und konnte am 20.11.1990 in Betrieb genommen werden. Im Vorgriff auf die bevorstehende Auslieferung der Niederflurfahrzeuge 251ff wurde der Wagen im Jahr 1994 in 295 umgezeichnet.

Nach Inbetriebnahme der Niederflurfahrzeuge im Jahr 1995 stellte sich bald heraus, dass die neuen Fahrgestelle in bestimmten Kurven unangenehme Quietschgeräusche verursachten. Durch einen verstärkten Einsatz des Schleifwagens "295" konnte das Problem zunächst behoben werden, in den Jahren 1995 und 1996 war er dafür mit über 10.000 Jahreskilometern im Einsatz. Die Wagen 251ff erhielten daraufhin eine eigenen Spurkranzschmierung, die in Kurven regelmäßig Schmiermittel auf die Gleise aufträgt. Dadurch konnten die Sondereinsätze des Wagens "295" im Jahr 1996 wieder zurück genommen werden. Das Fahrzeug erzielt in normalen Betriebsjahren Jahreskilometerleistungen von etwa 4000 km.

In der Praxis hat sich herausgestellt, dass ein hoher Anpressdruck der Schleifsteine neben guten Schleifergebnissen auch einen starken Abrieb der Gleise zur Folge hat. Seit dem Jahr 2010 ist man dazu übergegangen, mit halbiertem Anpressdruck entsprechend öfter zu fahren. Die Erfahrungen mit dieser Umstellung werden als positiv beschrieben.

Die Hauptmaße des Schleifwagens "295"

Wagenlänge (über Stirnwand): 19.095 mm
Wagenbreite: 2.200 mm
Höhe über Schienenoberkante: 3.185 mm
Drehzapfenabstand: 6.000 mm
Achsstand Drehgestelle: 1.800 mm
Fußbodenhöhe über Schienenoberkante: 866 mm
Leergewicht: 21.800 kg
Zulässiges Gesamtgewicht: 30.000 kg
Zulässige Höchstgeschwindigkeit: 60 km/h
auf Steilstrecke: 30 km/h
Arbeitsgeschwindigkeit: 30 km/h



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